Wer kennt Bollywood?

Wer kennt Bollywood?


Vor über 100 Jahren wurde die weltgrößte Filmindustrie geboren: Bollywood. Von Nicht-Indern wird `Bollywood´ als Synonym für die indische Filmindustrie verstanden. Die Wortkreuzung `Bollywood´ setzt sich zusammen aus `Bombay´ (1996 beschloss der Stadtrat in Bombay die Änderung des Namens in Mumbai) und `Hollywood´.

von Sharon Oppenheimer

 

Die glänzende Welt der Bollywood-Filme wird in Deutschland mehr belächelt als geliebt.

Aber wer Bollywood nicht Ernst nimmt, der irrt: die indische Filmindustrie bietet nicht nur bunte Kostüme, Gesang, Tänze und quirlige Filmsets, sondern auch handwerklich gut gemachte Filme, die den Streifen aus dem Westen in nichts nachstehen. Die dortige Filmindustrie dreht mehr Filme als USA, China und Japan zusammen.

2013 kamen fast 2,7 Milliarden Besucher in die indischen Kinos – davon kann das deutsche Kino nur träumen.

 

Bollywood ist ein Phänomen, dass das kulturelle Mosaik der indischen Gesellschaft widerspiegelt. Ein Schwellenland auf dem Weg zum Industriestaat, voller Spiritualität, einer 5000jährigen Kultur mit 1,3 Milliarden Einwohnern, darunter 1 Milliarde Hindus, 200 Millionen Moslems, fast 28 Millionen Christen, mehr als 20 Millionen Sikhs, über 8 Millionen Buddhisten, darunter der berühmteste Flüchtling der Welt, der Dalai Lama, rund 57 000 Parsen und weniger als fünftausend Juden.

Indien ist auch der Geburtsort dreier Weltreligionen: dem Hinduismus, dem Buddhismus und der jüngsten Weltreligion, dem Sikhismus.

 

Dabei ist in Indien „Bollywood“ die Bezeichnung für den hindisprachigen Film, der neben dem Tamil-Film, dem Tegulu- Kino (Tollywood), dem Punjabi-Film (Pollywood) und weiteren Cinemas

existiert und Indien hat eine Menge davon: es werden 1721 Sprachen gesprochen, davon sind 122 Hauptsprachen.

Zwischen 2014 und 2015 drehte die indische Filmindustrie 1827 Filme in über 39 Sprachen, davon entfielen 297 auf Tamil, 297 auf Hindi und 284 auf Telugu.

Trotz der Sprachenvielfalt haben indische Unterhaltungsfilme, egal aus welcher Region sie kommen, viele Gemeinsamkeiten.

Zu den wichtigsten Einflüssen, die das indische Kino geformt haben gehören die alten indischen Epen von Mahabharata und Ramayana. Sie übten von jeher eine tiefe Wirkung auf die Gedanken und die Phantasie des indischen populären Kinos, genau wie das antike Sanskrit-Drama, dessen Schwerpunkt eine Handlung bildete, in dem Musik, Tanz und Gestik kombiniert wurden.

Ein weiteres Element stellt das traditionelle Volkstheater von Indien dar, das im 10. Jahrhundert nach dem Niedergang des Sanskrit-Theaters populär wurde.

Das Parsi theater, eingedeutscht: Parsen-Theater ist eine weitere Komponente, die die Kinotradition Indiens formte. Realismus und Fantasie, Musik und Tanz, Erzählung und Handlung, urwüchsigen Dialogen, blendendem Bühnenwerk, groben Humor und dem Einfallsreichtum der Bühnenpräsentation vereinen sich mit dem Melodrams. Die Parsen stammen aus dem alten Persien, aus dem sie nach dem Niedergang des Sassanidenreiches und der darauf folgenden Islamisierung im 8. Jahrhundert nach Indien flohen. Der bekannteste Parse in der westlichen Hemisphäre war Freddy Mercury.

Hollywood-Musicals, die bis zu den 50er Jahren populär waren, dienten den indischen Spielfilmen ebenso als Leitfaden, da es eine tief verwurzelte Tradition gibt , Mythen, Geschichten, Märchen etc. durch Gesang und Tanz zu erzählen. Das musikalische Fernsehen aus dem Westen, vor allem MTV, prägte in den 1990er Jahren Faktoren, wie das Tempo, Kamerawinkel, Tanzfolgen und Musik.

 


 

Indische Filme sind wesentlich länger als Filme aus dem Westen, zwei bis drei Stunden Laufzeit sind die Regel, unterbrochen durch eine obligatorische Pause. Das liegt am Drehbuch, das nach den Richtlinien der viktorianischen Skriptstruktur aufgebautist. Das typische Merkmal ist auch heute noch eine Unterbrechung in der Mitte des Films.

Die meisten Filme sind eine Mischung aus romantischem Melodram, Komödie und Action. Bollywood-Plots neigen dazu, melodramatisch zu sein. Sie verwenden häufig Inhalte wie z.B. Liebhaber und verärgerte Eltern, Liebesdreiecke, familiäre Bindungen, Opfer, korrupte Politiker,Entführer, verführerische Halunken, verloren geglaubte Verwandte und Liebende, die das Schicksal getrennt hat und natürlich viel Musik und Tanz. Von Schauspielern wird deshalb erwartet, dass sie tanzen können. Der Gesangspart wird von professionellen Playback-Sängern übernommen.

Die Geschichte des Films in Indien begann 1896 mit der ersten Kinematographie-Aufführung von Filmen der Brüder Lumière in Bombay.

Ab 1898 filmte der Bengale Hiralal Sen Theateraufführungen ab.

Im Dezember 1901 wurde die erste indische Dokumentaraufnahme eines aktuellen politischen Ereignisses durch Harishchandra Sakharam Bhatavdekar gemacht. Außer kurzen Dokumentarfilmen entstanden in den ersten Jahren auch Theaterfilme.
Als Wendepunkt des indischen Spielfilms steht der 1912 gedrehte und im Mai 1913 uraufgeführte Streifen, Raja Harishchandra von Dhundiraj Govind Phalke. Der Film war keine Abfilmung eines Theaterstücks, sondern ein ausgefeilter Spielfilm und wurde ein Erfolg, weil das Publikum eine Geschichte zu sehen bekam, die ihm bekannt war.
Phalke gilt als der Pionier des indischen Films; sein Werk umfasst 95 Filme und 26 Kurzfilme.

 

Doch es waren die Juden Indiens, die die Grenzen des indischen Kinos verschoben, um Bollywood zu dem zu machen, was es ist: der erste Filmkuss, der erste Tanz, der erste Tonfilm und der erste Farbfilm.

Ezra Mir, ein Jude aus Kalkutta, der sein Handwerk in den USA gelernt hatte, erkannte zusammen mit Ardeshir Irani die Bedeutung des Tonfilms und es sollte erste indische Tonfilm werden.

Alam Ara (Hindi: Das Ornament der Welt) ist ein 1931 indischer Bollywood Hindi / Urdu Film unter der Regie von Ardeshir Irani. Ezra Mir produzierte den Film. Alam Ara debütierte im Majestic Kino in Mumbai (Bombay dann) am 14. März 1931. Der erste indische Tonfilm war so beliebt, dass die Polizei zu Hilfe gerufen wurde, um die Massen unter Kontrolle zu halten.

Die 1930er und 1940er Jahre waren turbulente Zeiten: Indien wurde von der Großen Depression, dem Zweiten Weltkrieg, der indischen Unabhängigkeitsbewegung und der Gewalt der Partition gepeitscht. Die meisten Bollywood-Filme waren Eskapismus, aber es gab auch eine Reihe von Filmemachern, die harte soziale Probleme angingen, oder den Kampf für die indische Unabhängigkeit als Kulisse für ihre Handlungen nutzten.

 

Frauen traten zunächst, genau wie im beim Theater, kaum als Darsteller in Erscheinung, da der Schauspielerberuf für Frauen damals als anrüchig angesehen wurde. Es traten Männer oder Eunuchen als Frauen verkleidet auf. Einer der „Frauendarsteller“ war z. B. der Kameramann Anna Hari Salunke, auch bekannt als A. Salunke and Annasaheb Saluke. Zwischen 1913 und 1931 übernahm er vielfach Frauenrollen.

Dennoch konnten die männlichen Frauendarsteller, nicht die Nachfrage nach weiblichen Hauptdarstellern abdecken.

Es waren die Frauen einer kleinen Minderheit, die sich nach Mumbai aufmachten, um Bollywood zu erobern.
Unter Juden galt es nicht als Tabu, wenn Frauen in der Öffentlichkeit zeigten.

Seit mehr als 2000 Jahren lebten Juden in Indien. In Indien erfuhren sie, im Gegensatz zu anderen Ländern kaum Antisemitismus. Erst seit wenigen Jahren gibt es gewalttätige Übergriffe durch Islamisten. (Bei den Terroranschlägen in Mumbai 2008 wurde das Chabad-Haus, ein jüdisches Gemeindezentrum zum Anschlagsziel und sechs Juden wurden gefoltert, vergewaltigt, ihre Genitalien verstümmelt und ermordet.)

Es heißt, die ersten Juden trafen bereits vor über 2500 Jahren ein. Tatsächlich ist der älteste jüdische Friedhof in Indien über 2000 Jahre alt und unzerstört. In mehreren Wellen über Jahrhunderte hinweg kamen Juden nach Indien, manchmal als Kaufleute, aber meistens als Flüchtlinge.

 

Jüdische Frauen waren selbständiger und progressiver und sie eroberten im Sturm die Kinoleinwand. Die Inder hielten sie, wegen ihres Aussehens und ihrer Künstlernamen für Nachkommen islamischer Eroberer oder für Anglo-Inderinnen.

Sulochana, eigentlich Ruby Meyers wurde erster weiblicher Superstar des indischen Kinos in der Stummfilmzeit. Sie war so berühmt, dass Gandhi-Kurzfilme vor ihren Filmen gezeigt wurden, um seine Popularität zu steigern.

Rose Musleah wurde 1911 in Kalkutta geboren, wo sie Tanzlehrerin war. Nach ihrer Scheidung in den frühen 1930er Jahren beschloss sie, nach Bombay zu ziehen, um ihr Glück in der aufkeimenden Filmindustrie zu versuchen. Als „Miss Rose“ machte sie schnell Karriere und spielte in vielen Filmen eine Hauptrolle.

 

Da war noch Rachel Sofaer. Als ihre Familie finanziell schwer angeschlagen war, begann sie unter dem Namen Arati Devi als Filmschauspielerin zu arbeiten. Sie wurde von ihrer Mutter zum Set begleitet und nach ihrer Heirat 1933 gab sie ihre Filmkarriere auf.

Pramila, bürgerlich Esther Abraham, war in den 30ern der Star des Indischen Kinos. Einer ihrer Filme „Mother India“ von 1938 wurde als erster Film im Buckingham Palace gezeigt.

1947 wählte man sie sogar zur ersten „Miss India“.

 

In den späten 40ern besonders nach der Indischen Unabhängigkeit 1947 stellte der Beruf „Schauspielerin“ keine moralischen Bedenken mehr dar.

Die Zeit nach Indiens Unabhängigkeit 1947 bis in die 60er Jahre wird von Filmhistorikern als "Goldenes Zeitalter" des Hindi-Kinos angesehen. Einige der am meisten kritisch gefeierten Hindi-Filme aller Zeiten wurden in dieser Zeit produziert. Beispiele sind die Guru Dutt-Filme Pyaasa (1957) und Kaagaz Ke Phool (1959) und die Raj Kapoor-Filme Awaara (1951), Shree 420 (1955) und Dilip Kumar's Aan (1952). Einige der berühmtesten epischen Filme des Hindi-Kinos wurden zu dieser Zeit produziert, darunter Mehboob Khan's Mother India (1957).

Doch wieder war es eine jüdische Schauspielerin, die einen neuen Maßstab setzte.

Farhat Ezekiel wählte den Künstlernamen „Nadira“ und etablierte einen neuen Frauentyp: den Vamp.

Zigaretten rauchend, mit ungewöhnlichen Kostümen und Frisuren galt als Prototyp des Vamps des Indischen Kinos. Sie spielte oftmals die Rolle der Verführerin, den Gegenpart der keuschen Heldinnen, die von der Bollywood Filmindustrie bevorzugt wurden.

 

Ein jüdischer Schauspieler wurde selbst zur Vaterfigur des indischen Films. Der im Volksmund als „David“ oder "Uncle David" bekannte Darsteller David Abraham Cheulkar konnte auf eine über vier Jahrzehnte umfassende Karriere und mehr als 110 Filme zurückblicken.

 

Doch die Zeit der jüdischen Filmschaffenden sind längst vorbei. Die einst 90 000 Seelen zählende jüdische Gemeinschaft Indiens ist auf weniger als 5000 Seelen geschrumpft. Nach Israels Staatsgründung 1948 verließen die meisten das Land.

 

Im prüden Indien unterliegen Filme rigorosen Einschränkungen: Verboten sind Sex und Intimitäten. Filmküsse wurden generell von indischen Filmzensoren bis in die 1990er Jahre verboten; sogar bis heute fällt Geknutsche immer wieder der Schere zum Opfer.

Einst brachte Indien die Kamasutra hervor, doch islamische Invasoren, egal ob Araber oder die Moghulherrscher veränderten über Jahrhunderte hinweg die Moralvorstellungen auf dem Subkontinent.

Seit Jahrzehnten beklagen sich Filmschaffende, dass die Filmzensoren sich wie Moral-Polizisten aufspielen, indem sie fordern, dass anzügliche Sprache, Sexualität, homosexuelle Themen und politisch sensible Inhalte aus Filmen geschnitten werden – und nicht nur das.

 

Im vergangenen Jahr scheiterte fast ein Bollywood-Blockbuster an einem Sachverhalt: den Drogenprobleme im nördlichen Bundesstaat Punjab. Berichten zufolge hatten Zensoren von den Machern von "Udta Punjab" ("Flying Punjab") verlangt, Dutzende von Szenen herauszuschneiden und alle Hinweise auf den Bundesstaat, einschließlich des Titels, zu entfernen.

"Unsere Bedenken sind, dass der gesamte Film vollständig auf dem Punjab basiert", sagte Pahlaj Nihalani, der Leiter des Zentralausschusses für Filmzertifizierung, zu Indiens Presse. "Alle Charaktere sind negativ. Es wird die ganze Gemeinschaft beeinträchtigen. " Seine Prophezeiung ist nicht eingetroffen.

Indiens Filmemacher haben sich für die Unterstützung des Films stark gemacht und kritisiert, dass Indiens Zensurbehörde routinemäßig sexuellen Inhalt und derbe Sprüche aus Filmen verbannt, während sie mutwillige Gewalt und Misshandlung von Frauen genehmigt.

 

In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren wurden Romantikfilme und Actionfilme angesagter Trend in Bollywood. In den Mitsiebzigern machten romantische Schmachtfetzen Platz für Actionfilme mit Gangstern und Banditen.

In den 80er- und 90er-Jahren kehrte man zurück zu familienorientierten romantischen Musicals mit dem Erfolg solcher Filme wie Qayamat Se Qayamat Tak (1988), Chandni (1989), Hum Aapke Hain Kaun (1994) ), Dilwale Dulhania Le Jayenge (1995), Raja Hindustani (1996) und Kuch Kuch Hota Hai (1998). Eine neue Generation von Schauspieler stand nun im Rampenlicht: Ajay Devgan, Akshay Kumar, Salman Khan und Shahrukh Khan und Schauspielerinnen wie Madhuri Dixit, Sridevi, Juhi Chawla, Meenakshi Seshadri und Karisma Kapoor – um nur einige zu nennen.

 

Die 2000er Jahre brachten Wachstum für Bollywood und Anerkennung auf der ganzen Welt. Ein rasanter Aufschwung in der indischen Wirtschaft und eine Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Unterhaltung in dieser Ära führten die Filmindustrie der Nation zu neuen Höhen in Bezug auf Produktionswerte, Kinematografie und innovative Drehbücher, sowie technische Fortschritte in Bereichen wie Spezialeffekten und Animationen. Einige der größten Produktionsfirmen, darunter Yash Raj Films und Dharma Productions, waren Produzenten von neuen modernen Filmen.

In den 2010er Jahren stellte die Branche den Trend der etablierten Filmstars wie Salman Khan, Akshay Kumar und Shahrukh Khan unter Beweis.

Während die meisten Stars der 2000er Jahre ihre erfolgreiche Karriere im nächsten Jahrzehnt fortsetzten, sahen die 2010er auch einige neue Gesichter, wie Ranbir Kapoor, Ranveer Singh, Varun Dhawan, Sidharth Malhotra, Sushant Singh Rajput, Arjun Kapoor, Aditya Roy Kapur und Tiger Shroff, sowie Schauspielerinnen wie Vidya Balan, Kangana Ranaut, Deepika Padukone, Sonam Kapoor, Anushka Sharma und Alia Bhatt.

Letztes Jahr verzeichnete Bollywood einen interessanten Neuzugang: Diljit Dosanjh. Er gilt als einer der führenden Künstler aus der Musikindustrie des Punjab, dem Sikh-Bundesstaat und wirkt seit 20011 regelmäßig in Punjabi-Filmen mit. Man rechnete ihm zunächst keine Chancen in Bollywood aus: er trägt als Sikh Turban und Bart. Dennoch schaffte er 2016 den Durchbruch mit dem Film „Udta Punjab“ und das Publikum liebt ihn.

Bollywood bleibt eine Welt für sich, die nach ihren Regeln spielt.

Einer der größten Bollywoodstars der Gegenwart ist Shahrukh Khan. Der Paschtune ist wahrscheinlich der indische Darsteller, der in Deutschland am Bekanntesten ist. In Indien macht er nicht nur Filme, sondern auch für Werbung für teure Hautaufhellungsprodukte. Damit hätte er in der Bundesrepublik keinen Erfolg, da man Solarien bevorzugt.

 

Aber Bollywood ist auch ein Hort hässlicher Dinge.

Da ist zum Beispiel Amitabh Bachchan. Er gilt als der größte und einflussreichste Schauspieler in der Geschichte des indischen Kinos. Seine Karriere begann 1969.

Es gibt sogar einen Tempel in Kalkutta, wo Amitabh Bachchan als Gott verehrt wird.

Vor über drei Jahrzehnten war er ein guter Freund von Sonia und Rajiv Gandhi. Im Jahr 1984 ging er kurzzeitig in die Politik und gewann für Allahabad einen Sitz im Parlament.

Er verspritzte sein tödliches Gift, indem er 1984 seine Popularität nutze und die Massaker an den Sikhs anfeuerte.

„Khun ka badia khun sae laengae“, was soviel bedeutet wie „Blut braucht Blut“, rief er den Massen nach Indira Gandhis Ermordung durch zwei Sikh-Leibwächter zu. Eine ganze Gemeinschaft wurde behandelt, als hätte sie an der Ermordung Indira Gandhis persönlich teilgenommen. In den folgenden Tagen brannten in New Delhi ganze Stadtviertel, 3000 Menschen kamen allein in der Hauptstadt um. Die Zahl der getöteten Sikhs außerhalb von Delhi liegen laut Quellen bei weit über 20.000. Jede dieser Mob-Gangs von etwa 200-300 Männern, geleitet von einem Führer, begannen in die Häuser der Sikhs auszuschwärmen, töteten Kinder, vergewaltigten Frauen, fesselten Männer an Reifen, die mit Kerosin in Brand gesetzt wurden, brannten Häuser und Geschäfte nieder, nachdem sie sie geplündert hatten, während die Polizei zusah.

Nach drei Jahren zog sich Amitabh Bachchan aus der Politik zurück, ohne seine Amtsperiode zu beenden und es kam, warum auch immer, zum Bruch zwischen ihm und Gandhis Familie.

Wieso Bachchan für seine Mittäterschaft nicht im Gefängnis sitzt fragen sich, viele Inder.

In Bollywood scheint es zweierlei Recht zu geben.

Er kehrte zurück zur Schauspielerei und vermittelt den Eindruck, dass so ein größer Künstler wie er unentbehrlich sei.

Mittlerweile wurde aus Amitabh Bachchans Fönfrisur ein Toupet, und er grinst immer noch schamlos in die Kamera.

 

Innerhalb der indischen Filmindustrie, gibt es ein weiteres, wiederkehrendes Thema: Familienclans, Mitglieder einer Familie, die die Filmindustrie über mehrere Generationen regelrecht beherrschen, egal ob als Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren oder Produzenten: da gibt es die Khans, die Kapoors, die Bachchans, die Bhatt-Familie usw. Filmschaffende bereits in vierter Generation, an der fünften Generation wird gerade gebastelt, eine kleine Gruppe von Leuten, die sich gegenseitig beweihräuchern.

Es ist nicht so einfach Fuß zu fassen, wenn man zu keiner der alt eingesessenen Bollywoodfamilien gehört.

 

Indiens Filmindustrie bringt natürlich auch jede Menge Schund und bedenkliche Machwerke hervor, die nur so vor Dummheit und Geschmacklosigkeit strotzen.

2011 erschien „Dear friend Hitler“, der in Indien unter dem Titel „Gandhi to Hitler“ veröffentlicht wurde. Es handelt sich um einen mehrsprachigen Dramafilm, der auf Briefen von Mahatma Gandhi an Adolf Hitler beruht – so die offizielle Version. Adolf Hitler wird glorifiziert als angeblicher Unterstützer Indiens in seinem Freiheitskampf gegen die Briten. Der Vater der Nation trifft auf den Gröfaz.

Bedauerlicherweise haben viele Menschen in Südasien wenig Wissen über den Nationalsozialismus und sehen in Hitler einen großen Staatsmann. (Ein indischer Parlamentsabgeordneter heißt Adolf Lu Hitler Marak.) Hitlers Nutzung des Hakenkreuzes, ein altes hinduistisches Glückssymbol, und sein Bezug zu den Ariern fallen bei einfach gestrickten Leuten auf wohlwollende Anerkennung.

 

Mahatma Gandhi war keineswegs der makellose Friedensheld: er war von Machthunger geradezu besessen. Voller Verachtung schrieb er in schockierendem Ausmaß über schwarze Afrikaner, die er abfällig „Kaffer“ nannte, über indische Leibeigene, Unberührbare und Frauen. Die längste Zeit seiner 20 Jahre in Südafrika hat er damit verbracht, um die Freundschaft des weißen Regimes zu werben. Er war kein Übermensch, sondern eher ein gewöhnlicher Antisemit, der zum Holocaust nur meinte, „… die Juden hätten sich besser selbst dem Schlachtermesser angeboten. Sie hätten sich von Klippen ins Meer werfen sollen..."

Über die Sintis und Romas, die ursprünglich aus den nördlichen Regionen des indischen Subkontinents, aus Rajasthan, Haryana, Punjab und Sindh stammen und in den Todeslagern der Nazis ermordet wurden, verlor er kein Wort.

Auch gegenüber Sikhs hegte er Vorbehalte. Aus den zahlreichen Reden und Schriften von Gandhi geht hervor, dass er sich wünschte, dass die Sikhs auf Teile ihrer Religion und Kultur verzichten, um wieder im Hinduismus absorbiert zu werden. Ein Dorn im Auge war ihm vor allem deren Sprache und das Gurmukhī, die Schrift der Sikhs. Er wollte sie umerziehen fortan in Devanagari zu schreiben.

Während Gandhi, der angewidert von weiblicher Sexualität war, in seinem Ashram verheiratete Paare zur Enthaltsamkeit zwang, verging er sich an jungen Frauen und Mädchen. Er machte nicht einmal vor seiner 14-jährigen Großnichte halt.

 

2011 erschien der Punjabi-Film „Hero Hitler in Love“, der als „Liebeskömödie“ angepriesen wurde. Autor der Geschichte war der Sänger Babbu Maan, der sowohl das Drehbuch und die Filmmusik schrieb, als auch die Hauptrolle übernahm. Der Hauptcharakter des Films ist in seinem Heimatdorf ein geachteter Mann mit dem Spitznamen „Hitler“.

Weltweit wurde der Titel des Films kritisiert. Maan verteidigte sein Werk damit, dass der widersprüchliche Name „Hero Hitler“ ironisch eingesetzt wurde, da Hitler in Indien für „Schurkentum und Hass“ stünde. International fiel der Film durch, im Punjab feierte er jedoch Erfolge.

 

2016 hingegen machte Babbu Maan von sich reden, wegen seiner andauernden verbalen Angriffe auf den Bollywood-Newcomer Diljit Dosanjh. Vielleicht ist es der Erfolg von Diljit Dosanjh mit seinen Filmen und Songs, die Babbu Maan dazu treiben.
Babbu Mann ist nicht der erste, der Dosanjh unnötig kritisiert. Das hatten bereits andere versucht. Diljit sollte sich keine Kopf machen, wer über ihn zu nörgeln hat, weil er viel besser ist als die, die ihn kritisieren.

 

Doch die meisten indischen Kinobesucher wollen einfach nur Filme sehen und die großen Gefühle auf der Leinwand auskosten.

Irgendwo verständlich in einem Land, in dem 74% der Menschen glauben, dass von der Familie arrangierte Ehen besser sind als eine Liebesheirat. Für Romantik bleibt da wenig Platz – außer im Kino.

 

 

Foto: Diljit Dosanjh (Foto: By Bollywood Hungama (Bollywood Hungama) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons)


Dienstag, 31 Oktober 2017