Raw Frand zu Parschat Nizawim: Sich an Widerlichkeiten gewöhnen

Raw Frand zu Parschat Nizawim:

Sich an Widerlichkeiten gewöhnen


An diesem Shabbat lasen wir die Paraschat Nizawim-Wajelech aus der Torah. Raw Frand erläutert Aspekte dieser Parascha und ihrer Bedeutung. Heute lesen Sie den ersten Kommentar zur Paraschat.

In Parschat Nizawim, schreibt die Torah, "Denn ihr wisst, wie ihr gelebt habt im Lande Ägypten und wie ihr durchquertet die Nation, durch deren Länder ihr gereist seid. Ihr habt gesehen ihre Scheusslichkeiten und ihre verabscheuungswürdigen Götzen (et Schikuzehem we´et Gilulehem) aus Holz und Stein, aus Silber und Gold, die mit ihnen waren." [Dewarim 29:15-16] Die Torah beschreibt die heidnischen Götzen der Nationen in einer sehr abschätzigen Art und Weise. Das Wort "Schekez" bedeutet eklig. Die Wurzel des Wortes "Gilulehem" ist "Galal“, das Wort für menschliche Exkremente.
 
Der Brisker Raw bemerkt, dass die oben zitierten Pesukim die Götzen der Nationen zuerst in einer höchst geringschätzigen Weise beschreiben – et Schikuzehem we´et Gilulehem – doch dann werden sie in Begriffen von Rohmaterialien beschrieben – Holz und Stein (Ez weEwen), Silber und Gold (Kesef weSahaw). Ez weEwen tönt nicht so schlimm. Kesef weSahaw tönt sogar attraktiv. Was sind sie nun? Sind die Götzen Schekez und Galal oder sind sie Kesef und Sahaw?
 
Der Brisker Raw erklärt, wenn ein Mensch etwas Widerliches zum ersten Mal sieht, dann ist seine unmittelbare und natürliche Reaktion jene des Ekels. Doch Menschen neigen dazu, dass es ihnen nicht mehr so widerlich erscheint, sobald sie dies eine Weile gesehen haben. Man schaut es als etwas Neutrales an, wie Holz und Stein. Und schliesslich, wenn ein Mensch es wiederholt sieht, und sich noch mehr daran gewöhnt, dann wird das, was er ursprünglich als eklig und abscheulich bezeichnet hat, als Silber und Gold angesehen.
 
Dies beschreibt eine der grundlegendsten menschlichen Eigenschaften, die sowohl der Fluch der Menschheit als auch ihre Rettung ist: Wir können uns an alles gewöhnen. Wäre dies nicht der Fall, so könnten wir nicht überleben. Manchmal sehen wir Menschen, welche die Konzentrationslager überlebt haben, in denen die Bedingungen unvorstellbar schlimm waren. Wie konnten sie dies ertragen? Die Antwort darauf ist, dass sie sich bis zu einem gewissen Mass daran gewöhnt hatten. Diese Fähigkeit kann sehr nützlich sein. Doch andererseits kann sie auch viel zerstören. LEIDER können wir uns an alles gewöhnen. Was einmal eklig war, wird jetzt normal.
 
Dies ist was die Gemara meint mit "Dies ist der Weg des schlechten Triebs: Heute rät er – tu dies. Morgen rät er – tu das. Bis er endlich rät – geh’ und diene Götzen." [Schabbat 105b] Auf der schiefen Ebene rutscht man immer mehr herunter. Bei jedem Schritt findet der Mensch, Dinge vernünftig, die einmal “undenkbar” waren. Es stört uns nicht mehr und wird sogar zum neuen Standard, von dem man tiefer und tiefer sinkt, bis man beim Götzendienst angelangt ist.
 
Würde man nach zehn Jahre Absenz in sein Land heimkehren, und das Radio – auf dem Familien-orientierten Programm – anschalten wäre man erstaunt, welche Ausdrücke benutzt und welche Themen besprochen werden. Man muss nur ein Exemplar der New York Times in die Hand nehmen um von Dingen schockiert zu werden, die vor zehn Jahren noch als obszön bezeichnet worden sind, heute aber publiziert werden. Was ist geschehen?
 
Wir werden geistig getötet von den Dingen die wir auf Plakaten sehen, von den Inseraten in Bussen, auf den Bahnhöfen und von Sendungen, die wir am Radio hören. Es ist wahnsinnig!
 
Vor zehn Jahren waren es "Schikuzehem weGilulehem". Es war uns ein Gräuel! Dann wurde es "Ez weEwen". Wir gewöhnten uns daran. Und jetzt ist es sogar wie "Kesef weSahaw ascher imahem". Wir erwarten es und freuen uns schon, es zu hören und zu lesen.
 
 
 
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Freitag, 07 September 2018