Raw Frand zu Parschat Wa´etchanan: Ermahnungen gegen den Götzendienst - noch aktuell heute?

Raw Frand zu Parschat Wa´etchanan:

Ermahnungen gegen den Götzendienst - noch aktuell heute?


An diesem Shabbat lasen wir die Paraschat Waetchanan aus der Torah. Raw Frans erlutert Aspekte dieser Parascha und ihrer Bedeutung. Heute lesen Sie den ersten Kommentar zur Parascha.

Damit ihr nicht verdirbt und Euch ein gehauenes Götzenbild herstellt." (4:16)

Das ganze Sefer Dewarim ist voll von Warnungen bezüglich des Verbotes des Götzendienens. Aber die Parscha, in der die Warnungen am meisten wiederholt werden, ist die dieswöchige Parscha. Dutzende Pessukim – fast ein Drittel aller Verse dieser Parscha – behandeln das Thema des zweiten Verbotes der zehn Gebote – Ermahnungen gegen den Götzendienst.

Heutzutage erscheinen uns diese strengen Ermahnungen völlig überflüssig. Praktisch kein intelligenter Mensch der heutigen Zeit hat Interesse an der Anbetung eines Götzen jeglicher Art. Heute empfinden wir es sogar für seltsam, dass jemals je ein Mensch eine Leidenschaft für den Götzendienst hatte.

Um ehrlich zu sein, unser totales Desinteresse am Götzendienst stammt nicht etwa aus der Entwicklung unserer Intelligenz oder aus einem klareren Glauben an G“tt. Unser Desinteresse am Götzendienst stammt aus einer anderen Begebenheit: Die Anschej Knesset HaGedola – die Männer der grossen Synode, eine Gruppe von 120 Weisen und Propheten, einige der grössten Toragelehrten aller Zeiten, haben sich am Anfang der Ära des zweiten Bet Hamikdasch (Tempel) zusammengetan und beschlossen, dass der Drang zu Awoda Sara (Götzendienst) viel zu stark sei, um dass die Menschheit diesem widerstehen kann. Die Menschen könnten sich nicht helfen und würden immer wieder dem Götzendienst verfallen. Der Talmud (Traktat Joma 69b) berichtet, wie die Anschej Knesset HaGedola den Jezer Hara des Götzendienstes eingefangen und zerstört haben. Aus diesem Grund haben wir heute absolut kein Interesse und kein Verständnis mehr für den Götzendienst. Wir empfinden keinerlei Verlangen danach.

Vielleicht können wir uns doch etwas versuchen vorzustellen, wie stark damals die Neigung zum Götzendienst war, bevor dieser „erobert“ wurde. Der Talmud sagt uns, dass die Anschej Knesset HaGedola durch ihren Erfolg bei der Eroberung der grossen Leidenschaft der Menschheit so ermutigt waren, das sie beschlossen die Neigung zur Sittenlosigkeit ebenfalls aus dem Menschen zu entfernen. Unsere Weisen kamen dann aber zur Einsicht, dass wenn diese Leidenschaft ausgelöscht ist, die Menschheit sich nicht mehr fortpflanzen wird. Also haben sie davon abgesehen.

Wir wissen alle, wie schwierig es ist, die Neigung zur Zügellosigkeit zu kontrollieren. Chasal lehren uns, dass die Menschen einst genau so eine starke Leidenschaft hatten, um Götzen zu dienen. Praktisch war er fast unmöglich zu bändigen.

Zurück zu unserer Frage: Wenn unsere Weisen den Drang zum Götzendienst gänzlich abgeschafft haben, dann sind doch die unzähligen Ermahnungen zum Verbot des Götzendienstes in unserer Parscha und im Sefer Dewarim heutzutage für uns unwichtig bzw. nicht mehr anwendbar? Was bedeuten für uns all diese Ermahnungen heute?

Der Radziner Rebbe sagt, dass einige von uns oftmals dem Götzendienst sehr nahe kommen.

Der Talmud (Traktat Schabbat 105b) lehrt uns folgendes: Wenn ein Mensch so wütend wird, dass er die Kontrolle über sich selbst verliert, so wird dies angesehen, als ob er Awoda Sara dienen würde!

David HaMelech schreibt in Tehillim (Psalm 81:10) „Es soll kein fremder Gott in Euch sein“. Der Talmud fragt darauf „Welcher fremder Gott ist denn in einer Person drin?“ Antwort: Der Jezer Hara wird als fremder Gott bezeichnet.

Um diesen Talmud-Abschnitt besser zu verstehen, müssen wir uns zuerst mit einem Wutanfall näher auseinandersetzen.

Betrachten Sie dieses, leider nicht ungewöhnliches Szenario: Herr „Baal HaBajit (Hausherr)“ kommt am Schabbat Morgen von Schul nach Hause und sieht, dass weder der Tisch gedeckt, noch das Essen für die Schabbat-Se’udah vorbereitet ist. Er wendet sich an seine Frau und fragt: „Warum kannst Du nicht alles rechtzeitig vorbereitet haben?“ Die Frau sieht ein, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist für lange Erklärungen und beschleunigt daher stillschweigend die Vorbereitungen. Nachdem die Mahlzeit begonnen hat, werden die Kinder unruhig und etwas zu überaktiv. „Warum macht ihr so viel Lärm?“ schreit Herr Baal HaBajit. Die Kinder beruhigen sich für eine kurze Zeit aber schon bald geht das Herumtollen weiter. Diesmal findet Herr Baal HaBajit, dass es definitiv genug sei. „Ich will Ruhe“, schreit er, sein Gesicht bereits tiefrot anlaufend, „der nächste, der hier Lärm macht, wird es von mir zu spüren bekommen“, fügt er als Warnung hinzu.

Was ist hier passiert? Die Kinder haben sich eigentlich altersgemäss verhalten. Warum hat Herr Baal HaBajit seine Kontrolle verloren?

Das Problem ist, dass Herr Baal HaBajit es nicht vertragen kann, dass sein Wunsch und sein Wille nicht das letzte Wort ist, dass seine Kinder seine Befehle einfach nicht befolgten – seine Obrigkeit, seine Macht nicht respektierten. Mit anderen Worten, Herr Baal HaBajit hält sich somit selbst als G“tt.

Herr Baal HaBajit überlegt sich überhaupt nicht, dass es vielleicht Haschem so gewollt hat, dass er ein paar Minuten warten muss bis er mit der Schabbat-Se’udah beginnen kann. Oder dass es Haschems Wille war, dass sich seine Kinder laut und ungestüm verhielten – so wie alle anderen Kinder. Er will Ruhe, er will sein Essen pünktlich aufgetischt bekommen. Wahrscheinlich ist er schon in schlechter Laune nach Hause gekommen, weil der Gabbai ihm „Chamischi“ statt „Schischi“ gegeben hat (als fünften anstatt als sechsten zur Tora aufgerufen hat), oder weil sein Sitznachbar in der Synagoge ihn nicht mit dem ihm gebührendem Respekt gegrüsst hat. Wer ist G“tt in den Augen von Herrn Baal HaBajit? Er selbst!

Dieses Beispiel mag übertrieben sein. Nicht alle lassen sich von derartigen Dingen in masslosen Wut versetzen. Aber wir alle haben doch gewisse Sachen, die uns ärgern, manchmal soweit, dass wir die Kontrolle über uns selbst verlieren und in Wut ausbrechen.

Wir haben heutzutage wohl keine Leidenschaft mehr zum effektiven Götzendienst, aber viele von uns sind immer noch 'gefangen' im Götzendienst, im oben erklärten Sinne.

Wenn ich mir so wichtig bin, dass ich die Kontrolle über mich verliere und in Wut entbrenne, sobald man mich herausfordert, dann diene ich sehr wohl einem anderen Gott und nicht Haschem. Auf Englisch heisst Götzenbild „Idol“ - ich diene dem „I“, dem Ich.

 

Rav Frand, Copyright © 2011 by Rav Frand und Project Genesis, Inc und Verein Lema´an Achai / Jüfo-Zentrum.


Freitag, 27 Juli 2018






Es verwundert mich zu lesen, dass wir dem Gtzendienst nicht verfallen seien, ja ihn "abgeschafft" htten, sehe ich doch den Gtzendienst weit verbreitet. Ist nicht die westliche Welt in weiten Teilen Gott abgewandt und gottvergessen. Damit ist die Tr weit auf fr Gtzendienst, denn steht nicht Gott an erster Stelle, dann ist es irgendetwas anderes, wohl meist das Ich oder irgendeine Sache. Das "goldene Kalb" - lt. Bibel ein Ding und nicht der lebendige Gott - kann harmlos erscheinen, es kann ein Sport sein verbunden mit Gier nach Rekorden, oder Geld, oder die exzessive Befriedigung durch Sex, oder oder oder. Mein Punkt ist, dass wir ohne die Richtschnur Gott uns gar nicht "richtig ausrichten" knnen sondern der rein weltlichen Vergtterung/Vergtzung anheim fallen mssen. Ohne die zentrale Ausrichtung auf Gott sind wir verloren und im Irrtum. Verloren brigens als Individuum, aber auch Gesellschaft, bis hin zu unserer Zivilisation.