Raw Frand zu Parschat Balak: Die `Mühe´, Parschat Bilam täglich zu sagen

Raw Frand zu Parschat Balak:

Die `Mühe´, Parschat Bilam täglich zu sagen


An diesem Shabbat lesen wir die Parascha Balak aus der Torah. Raw Frand erläutert Aspekte dieser Parascha und ihrer Bedeutung. Heute lesen Sie den zweiten Kommentar.

Die Torah bezeugt, dass Bilam die Gedanken des Schöpfers kannte („Jode’ah Da’at Eljon“). Der Talmud [Brachot 7a] erklärt, dass er haargenau die Zeiten kannte, die geeignet waren, um G’ttes Zorn hervorzurufen. Der Talmud spricht davon, dass es jeden Tag einen bestimmten Augenblick gibt, in dem G’tt über Seine Welt zürnt. Bilam wusste genau, wie dieser Moment zu fassen war und dieses Wissen war seine Geheimwaffe. Er hatte die Absicht, seinen Fluch über das jüdische Volk in diesen Augenblick der g’ttlichen Wut zu legen und damit G’ttes Zorn auf die jüdische Nation hinunterzuleiten.

Rav Eljakim Schlesinger fragt (in seinem Sefer „Beit Av“): Wenn wir davon ausgehen, dass sich Bilams Kraft darauf beschränkte, den Augenblick des g’ttlichen Zorns zu kennen, so scheint dies weit weg von der Bezeugung der Torah zu sein, dass er ein Jode’ah Da’at Eljon – ein Kenner der g’ttlichen Gedanken – war. Für die Antwort verweist der Beit Av auf eine rabbinische Lehre über die Schöpfung der Welt.

G’tt „plante“ anfänglich eine Welt zu schaffen, indem nur sein Attribut von Gerechtigkeit („Midat hadin“) Geltung besitzt. Jede Sünde, die in einer solchen Welt begangen wird, wird sofort geahndet. Als G’tt jedoch erkannte, dass menschliche Wesen in solch einer Welt nicht bestehen konnten, fügte er in die von ihm geschaffene Welt neben der Strenge von Midat haDin noch das Attribut von Barmherzigkeit („Midat haRachamim“) hinzu. Dies bedeutet nicht, dass G’tt vergisst, falls jemand gesündigt hat. Es bedeutet einfach, dass G’tt eine Gnadenfrist gewährt. G’tt gibt dem Sünder sozusagen einen Aufschub, um ihm die Möglichkeit zur Rückkehr zu geben. Die Welt funktioniert somit gemäss einer Kombination von Din (Gerechtigkeit) und Rachamim (Barmherzigkeit).

Bilam verfügte über „Da’at Eljon“. Dies bedeutet, dass er von G’ttes ursprünglichem Plan wusste. Er wusste, dass G’tt die Welt zu Beginn nur mit der Midat haDin schaffen wollte. Es war ihm bekannt, dass es an jedem Tag und in jedem Jahr einen Augenblick gibt, in dem G’tt zu seinem „Ursprungsplan“ zurückkehrt und die Welt gemäss Midat haDin richtet. Das ist es, was die Gemara darunter versteht, dass G’tt während einem Augenblick im Tag zornig wird. In diesem Moment kann, G’tt behüte, alles Mögliche geschehen. In diesem Augenblick hat Midat haDin freie Bahn. Diese Kenntnis war Bilams grosse Stärke.

Bilams Kraft war der misstrauische Blick auf die Welt. Die Mischna [Avot 5: 22] lehrt, dass Bilam ein „böses Auge“ besass. Dies bedeutet, dass er die Welt auf kleinliche Weise betrachtete, statt im Lichte von Midat haRachamim. Er betrachtete die Welt aus dem Blickwinkel von Midat haDin.

Damit erklärt sich auch, wieso Bilam sich selbst als „einäugigen Menschen“ bezeichnet. Wer würde denn von sich sagen, dass er „die Rede eines Einäugigen äussert“? Ist Blindheit auf einem Auge etwas, mit dem man prahlen und worauf man stolz sein kann?

Der Mensch wurde mit zwei Augen bedacht: Eines, mit dem man die Dinge mit Midat haDin mustert und eines, womit man die Dinge über die Midat haRachamim betrachtet. Wir sollten die Dinge prüfen und imstande sein sowohl ihre positiven als auch negativen Aspekte zu erkennen. Bilam prahlte damit, dass er derjenige sei, der jederzeit nur mit dem „bösen Auge“ auf die Welt blickt. „Mein Anspruch auf Ruhm stützt sich darauf, dass ich gegen das jüdische Volk einen Richtspruch bewirken kann, weil ich den Moment kenne, in dem G’tt ausschliesslich sein Attribut von Gerechtigkeit verwendet.“

Unsere grosse Rettung bestand darin, dass „Er kein Unheil schaute in Ja’akov“ („lo hibit Aven be’Ja’akov“) [Bamidbar 23: 21]. An allen Tagen, an denen Bilam versuchte, das Attribut von Gerechtigkeit zu wecken, hielt sich G’tt in seiner Barmherzigkeit von Zorn fern und betrachtete uns in keinem Moment mit Midat haDin.

Zum Schluss gibt der Beit Av eine bildliche Erklärung zur folgenden Gemara-Stelle in Brachot: „Wenn es der Gemeinde nicht zu grosse Mühe bereitet hätte („Torach Zibur“), so hätten die Rabbiner eingeführt, dass der Abschnitt von Balak in die Mitte der täglichen Lesung des Schema eingefügt worden wäre.“ Gemäss üblicher Auslegung besagt dies, dass Parschat Balak – zusätzlich – in Kriat Schema gelesen wird. Der Beit Av zitiert jedoch eine Auslegung des Satmarer Rebben, dass die Aussage der Gemara noch stärker sei: Das Lesen von Kriat Schema würde durch Parschat Balak ERSETZT. Wenn dies der Fall ist: Wieso bedeutet dies eine „Mühe für die Gemeinde“?

Die Antwort ist, dass wir nicht zweimal im Tag vom Gedanken niedergedrückt werden sollen, dass „Kel zo’em b’kol Jom“, dass G’tt jeden Tag zürnt und dass Midat haDin jeden Tag freie Bahn hat, zumindest für einen kurzen Augenblick. Wir wären nicht fähig, mit diesem Gedanken zu leben. Den ganzen Tag lang könnten wir kein Lächeln mehr auf unsere Lippen bringen. Der Gedanke wäre viel zu furchterregend, um sich täglich damit zu befassen. Das ist es, was die Gemara unter „Torach Zibur“ versteht.

Ob wir es nun täglich lesen oder nicht: Die Tatsache bleibt bestehen. Wenn wir, G’tt behüte, in unserer Mitte Tragödien erleben, die nicht geschehen dürften und absolut sinnlos erscheinen, versinken wir ins Grübeln und fragen uns: „Warum?“ Manchmal ist es die Folge von strenger Midat haDin, die jeden zu jeder Zeit treffen kann. Aus diesem Grund sollte jeder seine Handlungen täglich prüfen. Teschuva (Rückkehr) sollte nicht einfach in die zehn Busstage abgeschoben werden. Das Gegenmittel zu Midat haDin ist Midat haRachamim, welche uns gewährt wird, wenn wir G’tt zeigen, dass wir uns fortwährend selbst prüfen und dass wir bereit sind, uns zu verbessern.


Quellen und Persönlichkeiten:
Beit Av: Buch von Rav Eljakim Schlesinger: Zeitgenössischer Rosch Jeschiwa in London.

 

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Samstag, 30 Juni 2018