Vier Landesverbände jüdischer4 Gemeinden: Offener Brief an die Intendantin der Ruhrtriennal

Vier Landesverbände jüdischer4 Gemeinden:

Offener Brief an die Intendantin der Ruhrtriennal


Die Landesverbände der jüdischen Gemeinden in Nordrhein, Westfalen-Lippe, der Progressiven Gemeinden von NRW sowie die Synagogen-Gemeinde zu Köln haben einen gemeinschaftlichen Brief an die Intendantin geschrieben, diesen dokumentieren wir im Wortlaut.

Sehr geehrte Frau Carp,


mit großer Verwunderung haben wir Ihre nunmehr dritte Presseinformation zu einem möglichen Auftritt der britischen Band „Young Fathers“ zur Kenntnis genommen. Darin teilen Sie mit, dass Sie die Musiker nun doch wieder einladen im Programm der Ruhrtriennale aufzutreten.


Diese Entscheidung bedauern wir. Besonders schwerwiegend empfinden wir die Tatsache, dass Ihre Unentschlossenheit grundlegende Unwissenheit um den Begriff des Antisemitismus und Fakten des Nahostkonflikts offenbart. Sie behaupten von zwei „Kampagnen“ unter Druck gesetzt zu werden. Damit setzen Sie die Meinung der Landesregierung des Landes Nordrhein-Westfalen, die sich ganz klar gegen Ihre Entscheidung positioniert hat, und die kritischen Stimmen gegen Ihren Umgang mit der Situation mit der BDS-Kampagne gleich. Sie möchten es sich bequem machen, indem Sie sich die „Haltung“ erlauben wollen, sich von beiden Seiten zu befreien und die Band „Young Fathers“ unabhängig von deren eindeutiger Positionierung zum BDS einladen zu dürfen. Sie möchten dabei den Versuch unternehmen, die Musik der Band von der Einstellung der Musiker zu trennen. Dies zeugt von einer Naivität, die eines Festivals von der Größe, Popularität und Reichweite der Ruhrtriennale nicht würdig ist. Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit betrachten Sie den Boykott und aktive Aufrufe des BDS, israelische Künstlerinnen und Künstler weltweit nicht auftreten zu lassen, als „Narrative“ und „Perspektiven“, die gehört werden sollten. 
 
Damit legitimieren Sie nicht nur Antisemitismus, sondern verharmlosen auch noch die Kräfte, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Das ist kein Feuilleton-Thema, bei dem wir unterschiedlicher Meinung sein können. Wäre es Ihnen wirklich um einen Dialog gegangen, hätten Sie sich um Künstler von beiden Seiten bemüht, anstatt sich als Vehikel einer antisemitischen Kampagne ausnutzen zu lassen.

 
Es ist mehr als erstaunlich, dass Sie als Intendantin der Ruhrtriennale über Ihre künstlerische Tätigkeit hinaus Zeit finden, sich offenbar als Expertin zum Thema Antisemitismus zu betätigen. In Ihrer Pressemitteilung schreiben Sie, dass aus Ihrer „Sicht die Kritik an der derzeitigen Politik […] des Staates Israel nicht automatsch antisemitisch ist“. Die EU hat eine Arbeitsdefinition zum Antisemitismus beschlossen, die Ihnen auf der Suche nach Ihrer „Sicht“ in Zukunft sicherlich weiterhelfen kann. Darin steht u.a. geschrieben, dass „Antisemitismus [sich] gegenüber dem Staat Israel in seinem umfassenden Kontext manifestieren“ kann. Z.B. durch die „Anwendung doppelter Standards, indem an Israel Verhaltensansprüche gestellt werden, die von keiner anderen demokratischen Nation erwartet oder gefordert werden“. Das und zahlreiche weitere Aussagen machen die BDS-Bewegung zu einer antisemitischen Kampagne und jeder, der sich darin engagiert, muss mit Widerworten und Gegenreaktionen rechnen. Antisemitismus ist keine Meinung, kein „Narrativ“ und keine „Perspektive“. Von Ihnen – gerade „als Deutsche“ – hätten wir uns als Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in NRW mehr Sensibilität und Weitsicht in dieser Situation gewünscht. Als Intendantin der Ruhrtriennale ist Ihr Publikum auch die Bevölkerung des Ruhrgebiets und des Landes Nordrhein-Westfalen. Das Land mit der größten internationalen Vielfalt und der größten jüdischen Bevölkerung bundesweit. 
 
Ausgrenzung, Antisemitismus und Rassismus haben hier keinen Platz. Wir appellieren an Sie, dies in Zukunft mit entsprechender Rücksicht zu behandeln und Ihre Entscheidung vom 21. Juni 2018 erneut zurückzunehmen.
Wir begrüßen die schnelle und unmissverständliche Positionierung der Landesregierung Nordrhein-Westfalens und der Ministerin für Kultur und Wissenschaft gegen jegliche Unterstützung von BDS und gegen Antisemitismus jeder Form.
 
Mit freundschaftlichen Grüßen
 
gez. Vorstand Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein K.d.ö.R. gez. Vorstand Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe K.d.ö.R. gez. Vorstand Synagogen-Gemeinde Köln K.d.ö.R. gez. Vorstand Landesverband der Progressiven Jüdischen Gemeinden von NRW e.V.
 

 

 


Freitag, 22 Juni 2018






Schöner und klarer Brief, hoffentlich kommt er bei allen Dünnbrettbohrern an. Die Verharmlosung vieler antisemitischer Positionen in Musik und Sport aber auch bei Universitätsveranstaltungen in Deutschland ist erschreckend.

@1pp ich glaube es ist nicht nur Verharmlosung, viel mehr reiben sich die Verantwotlichen die Hände, weil andere Ihnen sozusagen die Drecksarbeit (die Verbreitung von Antisemitismus) abnehmen!!