Öffentlich-rechtliche Antisemitismus-Sendungen: Irreführend, substanzarm, langweilig

Öffentlich-rechtliche Antisemitismus-Sendungen:

Irreführend, substanzarm, langweilig


Innerhalb von wenigen Tagen haben mit dem WDR und 3sat zwei öffentlich-rechtliche Fernsehsender jeweils eine Dokumentation zum Thema Antisemitismus ausgestrahlt. Beide stellen den rechtsextremistischen Hass gegen Juden in den Mittelpunkt, stellen den islamistischen als gesichtsloses und insgesamt nachrangiges Problem dar und vernachlässigen den israelbezogenen nahezu völlig.

Von Lizas Welt

Wenn man den schändlichen Umgang der Fernsehsender Arte und WDR mit dem vorzüglichen Film »Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa« von Joachim Schroeder und Sophie Hafner im Juni des vergangenen Jahres mitbekommen hat, kann man die Ende August gesendete WDR-Dokumentation »Judenhass in Europa – Antisemitismus in Europa« nur als Gegenfilm begreifen. Die Produktion von Schroeder und Hafner war, nachdem Arte die Ausstrahlung lange verweigert hatte, schließlich im Abendprogramm der ARD gezeigt worden – allerdings versehen mit allerlei Warnhinweisen und Distanzierungen sowie einem unsäglichen »Faktencheck«, so, als hätte es sich um NS-Propaganda gehandelt, die man den Zuschauern nur in einer kommentierten Fassung zumuten kann. Das »Vergehen« der beiden Filmemacher: Sie hatten es gewagt, einen Schwerpunkt auf den israelbezogenen Antisemitismus zu richten und dabei auch Linke, Muslime, NGOs, kirchliche Vereinigungen und die Vereinten Nationen in die Kritik zu rücken. Das ertrug man bei Arte und dem WDR einfach nicht. Thema verfehlt, außerdem antimuslimisch und proisraelisch – so lautete das Verdikt.

Etwas mehr als ein Jahr später sendete der WDR nun den 45-minütigen Film »Judenhass in Europa – Antisemitismus in Europa« von Andreas Morell und Johanna Hasse, der erwartungsgemäß einen gänzlich anderen Tenor hat. Die Botschaft der Dokumentation hat Andreas Benl in einem lesenswerten Beitrag für den Blog der Wochenzeitung Jungle World treffend so zusammengefasst: »Die richtigen nationalistischen Antisemiten gibt es heute noch in Polen, die richtigen islamistischen in Frankreich, weil beide Länder die Lektionen der Geschichte nicht gelernt haben. Die werden in Deutschland gepflegt und heißen interkultureller und interreligiöser Dialog, z.B. mit Armin Langer und Taha Sabri von der ›Neuköllner Begegnungsstätte‹.« Dabei würden Stationen und Personen von »Auserwählt und ausgegrenzt« zwar erneut gezeigt, allerdings nur, »wie um zu signalisieren, dass man ›nichts verschweige‹, aber dabei ohne Polemik gegen den Antizionismus auskomme«. Guy Debord, so Benl weiter, hätte solch ein Vorgehen »als Rekuperation bezeichnet: eine verzerrende Imitation des Originals, die die ursprüngliche Aussage zum Teil in ihr Gegenteil verkehrt«.

Islamistischer Judenhass: Antisemitismus ohne Antisemiten?

Auffällig ist, dass bei den Rechten und Rechtsradikalen immer wieder Personen, etwa die AfD-Prominenten Björn Höcke und Alexander Gauland, und Organisationen wie die Allponische Jugend ins Bild gesetzt werden, während das bei den Islamisten nahezu überhaupt nicht der Fall ist. Sie kommen vor allem als gesichtslose und unorganisierte Masse vor, etwa auf dem »Al-Quds-Tag« in Berlin, der organisiert und getragen werde von einem »breiten Bündnis von Israelkritikern«, wie der Film die Zusammensetzung dieses alljährlichen antijüdischen Aufmarsches verharmlosend umschreibt. Der islamistische Hass gegen Juden wird als eine Art Antisemitismus ohne Antisemiten präsentiert, zumindest scheint es, wenn man der Dokumentation glaubt, keine benennbaren Verantwortlichen für ihn zu geben. So bleibt auch völlig unklar, warum der rührend optimistische Rabbi aus der Pariser Vorstadt bei seinem seit Jahren laufenden Versuch, gemeinsam mit einem Imam eine »jüdisch-muslimische Aussöhnung« zu erreichen, erfolglos bleibt. Die französischen Muslime folgten ihm nicht, heißt es im Film, aber ein ernsthafter Erklärungsversuch dafür wird gar nicht erst unternommen.

Mit Blick auf Deutschland ist es Morell und Hasse wichtig hervorzuheben, dass laut offiziellen Statistiken 94 Prozent aller antisemitischen Straftaten von (nichtmuslimischen) Rechtsextremisten verübt werden. Der Film verschweigt nicht, dass Juden sich mittlerweile deutlich stärker vom islamischen Antisemitismus bedroht fühlen, aber er geht auch diesem Widerspruch nicht nach, sondern lässt ihn einfach ohne Erklärung stehen. Dabei sollte den Autoren etwa die Studie »Antisemitische Gewalt in Europa« bekannt sein, die Johannes Due Enstad von der Universität Oslo im Juni 2017 vorgelegt hat. Um den antisemitischen Taten auf den Grund zu gehen, hat der Forscher zahlreiche offizielle Statistiken ausgewertet und dabei vor allem in Schweden und Deutschland ein »Kategorisierungsproblem« festgestellt. Die deutsche Polizei beispielsweise halte den Antisemitismus »für eine grundsätzlich rechtsextremistische Ideologie und verbucht deshalb die meisten antisemitischen Angriffe in der Kategorie rechtsextremistisch« – auch dann, wenn ein anderer Hintergrund vorliegt, etwa ein islamistischer. Enstad kommt zu dem Ergebnis, dass antisemitische Gewalt in allen untersuchten Ländern vor allem von Muslimen verübt werde, mit Ausnahme von Russland, wo Rechtsextreme das Gros der Täter stellten.

Selektive Wahrnehmung

Dennoch stellt auch der Film »Wie antisemitisch ist Deutschland?«, den der öffentlich-rechtliche Sender 3sat am vergangenen Mittwoch ausgestrahlt hat, den rechtsextremistischen Hass gegen Juden in den Mittelpunkt. Um der im Titel der Dokumentation gestellten Frage nachzugehen, wurde Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper in Berlin, mit einem Kamerateam losgeschickt. Kosky ist in Australien geboren und jüdisch, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Deutschland und ist mittlerweile auch deutscher Staatsbürger. Er spricht in der deutschen Hauptstadt unter anderem mit einem jüdischen AfD-Politiker, den Eltern eines monatelang antisemitisch gemobbten Schülers, dem Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS), einem Krav-Maga-Trainer und einem selbst ernannten »Volkslehrer«, der wegen antisemitischer Hetze vom Schuldienst suspendiert wurde. Die Interviews sind durchaus erhellend und fördern zutage, wie der Antisemitismus von rechts und in der bürgerlichen Mitte aussieht, welche Bedrohungen und Zumutungen von diesen Milieus für in Deutschland lebende Juden ausgeht und was die Betroffenen unternehmen, um damit fertig zu werden. Der israelbezogene Antisemitismus von links kommt dagegen so gut wie gar nicht zur Sprache, und der muslimische wird kleiner gemacht, als er ist.

Denn auch in »Wie antisemitisch ist Deutschland?« bekommen islamistische Judenhasser kein Gesicht. Kosky spricht stattdessen mit Dervis Hizarci von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA), die den Hass gegen Juden in migrantischen Gemeinschaften thematisiert. Hizarci will gegen das antisemitische Weltbild vieler muslimischer Flüchtlinge angehen und es korrigieren, ihm ist bewusst, dass etliche Juden angesichts der Zuwanderung durch Flüchtlinge aus Ländern, in denen der Antisemitismus zur Staatsdoktrin gehört, einen Anstieg des Antisemitismus in Deutschland fürchten. Womöglich ging den Filmemachern selbst diese bedächtige Kritik zu weit, sie legen jedenfalls Wert auf die Behauptung, der Hass gegen Juden sei in den islamischen  Ländern relativ neu und habe seine Wurzeln im arabischen Nationalismus »als Folgeerscheinung europäischer Interessen im Nahen Osten«. Mit anderen Worten: Europa hat den Antisemitismus in den arabisch-islamischen Raum exportiert. Die Feindschaft von Muslimen gegen Juden basiere nicht auf dem Koran, so heißt es weiter, sondern gehe zurück auf den christlichen Antisemitismus, der diesbezüglich als schlechtes Vorbild gewirkt habe. Der berüchtigte Jerusalemer Mufti Hajj Amin El-Husseini, ein fanatischer Antisemit und Kollaborateur der Nationalsozialisten, habe die NS-Ideologie lediglich »übernommen«. Offenbar aus heiterem Himmel und ohne dass es Anknüpfungspunkte gab.

Linker Antisemitismus wird ausgespart

Es ist schon befremdlich, wie die Dokumentation den islamischen Antisemitismus herunterspielt und wie selektiv sie ihre Gegenstand wahrnimmt. Um die Rede vom »importierten Antisemitismus« zu kontern, der mit den Flüchtlingen nach Deutschland gekommen sei, wird der Spieß einfach umgedreht und behauptet, der Hass gegen Juden in den islamischen Ländern sei ein Import aus Europa. Wenn er dann von nach Deutschland geflüchteten Muslimen geäußert und ausagiert wird, kehrt er in dieser Sichtweise gewissermaßen an seinen Ursprungsort zurück. Doch so unsinnig es ist, Antisemitismus nahezu ausschließlich bei Muslimen zu verorten (wie es vor allem Rechtspopulisten tun), so unsinnig ist es, so zu tun, als gäbe es keinen originär islamischen Antisemitismus und keine antijüdischen Passagen im Koran. Der deutsche und europäische Hass gegen Juden fand im Nahen Osten einen sehr fruchtbaren Nährboden vor und ist keineswegs die einzige Ursache für den Antisemitismus, der seit geraumer Zeit in allen islamischen Ländern nicht nur hegemonial, sondern eine widerwärtige, kaum hinterfragte Selbstverständlichkeit ist.

Es blieb dem Krav-Maga-Trainer Oliver Hoffmann vorbehalten, sine ira et studio auszusprechen, dass die größte Gefahr für die körperliche Unversehrtheit von Juden in Deutschland derzeit nun einmal von Islamisten ausgeht. »Die rechtsgerichteten Anfeindungen, die ich kenne oder die unser Umfeld kennt, sind meistens Propagandadelikte«, sagt er. Der Film, für dessen Botschaft Barrie Kosky prototypisch steht, verortet die hierzulande bedrohlichste Form des Antisemitismus gleichwohl weiterhin genau in diesem Milieu und spart den israelbezogenen Hass gegen Juden gleich welcher Couleur fast völlig aus. Damit bleibt auch er nicht nur hinter »Auserwählt und ausgegrenzt« zurück, sondern auch hinter der ausgezeichneten Dokumentation »Antisemitismus heute – Wie judenfeindlich ist Deutschland?« von Kirsten Esch, Jo Goll und Ahmad Mansour, die vor fünf Jahren in der ARD gezeigt wurde und sorgfältig den rechten, islamistischen, bürgerlichen und linken Antisemitismus aufzeigte, ins Verhältnis setzte, gewichtete, aufeinander bezog, einordnete und kritisierte. Die öffentlich-rechtlichen Antisemitismus-Dokus des Jahres 2018 sind im Vergleich dazu irreführend, substanzarm, langweilig und schlecht. Und sie vernebeln das Problem eher, als es zu erhellen.

 

Foto: Keine komische Oper: Barrie Kosky lässt sich ein bisschen Krav Maga zeigen (Screenshot aus der 3sat-Dokumentation »Wie antisemitisch ist Deutschland?«).


Mittwoch, 10 Oktober 2018