Die vielen Aspekte des Antisemitismus in Bayern

Die vielen Aspekte des Antisemitismus in Bayern


Einem Mitglied der jüdischen Gemeinde in Bayern wurde von seinem muslimischen Nachbarn gesagt, er habe seine Kinder aus der Koranschule genommen, weil diese zum Töten von Juden aufforderte.[1]

Die vielen Aspekte des Antisemitismus in Bayern

Von Dr. Manfred Gerstenfeld

[2] Ein Jude erwähnte, dass ein Apotheker seinen Vater fragte, warum er einen Steuerberater braucht, weil doch „Juden keine Steuern zahlen“.[3]

Das sind drei Beispiele aus einer aktuellen Studie mit dem Titel „Problembeschreibung: Antisemitismus in Bayern“, veröffentlicht von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin (RIAS). Bayern hat 12,9 Millionen Einwohner. Da es ein Bundesland ist und kein unabhängiger Staat, hört man international weit weniger von dem, was dort geschieht, als in einer Vielzahl europäischer Länder mit beträchtlich kleinerer Bevölkerungszahl, darunter Österreich, Belgien, Schweden und die Schweiz. Rund 17.500 Juden sind Mitglieder der 13 bestehenden jüdischen Gemeinden. Etwa die Hälfte von ihnen lebt in oder um Umfeld von Bayerns Hauptstadt München.[4]

Diese Studie kann als Modell für ähnliche Analysen betrachtet werden, die an anderen Orten in Deutschland und in anderen europäischen Ländern vorgenommen werden sollten. Sie basiert auf Befragungen mit Experten. Die Vorfälle bei Demonstrationen während der israelischen Operation Fels in der Brandung im Jahr 2014 gegen die Hamas werden als Schlüsselereignisse in der Entwicklung des Antisemitismus erwähnt. Die damaligen Reaktionen der Mainstram-Gesellschaft waren besorgniserregend.[5] Zu anderen erwähnten, negativen Schlüsselentwicklungen gehörten die Debatte um das Verbot der Beschneidung im Jahr 2012 und der Zustrom der Flüchtlinge nach Deutschland im Jahr 2015.

Die Studie definiert Täter von Antisemitismus als Rechtsextreme und Gruppen, die Antisemitismus aufgrund des Islam rechtfertigen. In kleineren Städten und ländlichen Gebieten dominiert der Rechtsextremismus. Israelbezogener Antisemitismus war ebenfalls ausdrücklich als wichtiges Phänomen erwähnt, das direkt neben dem klassischen Antisemitismus steht.

Eine wichtige Feststellung der Studie lautet, dass die Beziehungen zwischen jüdischen Gemeinden und Politikern sowie der Polizei gut sind. Dennoch herrscht die Meinung vor, dass Anzeigen zu antisemitischen Vorfällen kaum ein erfolgreiches Nachgehen der Behörden zum Ergebnis haben. Befragte erwähnten, dass die Polizei in einigen Fällen den jüdischen Gemeinden riet keine Anzeige zu erstatten, weil die Täter nicht gefasst werden würden.[6]

Von 2014 bis 2016 registrierte die Polizei 482 antisemitische Kriminaltaten. 300 davon ereigneten sich in kleinen Städten und ländlichen Gebieten. Doch die Vorfälle, die Gewalt oder verbale und schriftliche Angriffe auf einzelne Juden beinhalteten, ereigneten sich hauptsächlich in Ballungsräumen wie München und Nürnberg-Erlangen-Fürth.

Eine Studie der Münchener Ludwig-Maximilian-Universität aus dem Jahr 2016, die sich auf Rassismus konzentrierte, stellte fest, dass achtzehn Prozent der Befragten in München beträchtlich oder stark antisemitisch eingestellt sind. Im übrigen Bayern waren es vierundzwanzig Prozent. Die Studie beschäftigte sich ausdrücklich mit religiösem und ethnischem Antisemitismus und nicht mit Antiisraelismus.[7]

2017 untersuchte die Technische Universität Regensburg die Einstellungen von Asylsuchenden aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und dem Irak, die 2015 und 2016 nach Bayern gekommen waren. Mehr als die Hälfte derer aus Syrien, dem Irak und Afghanistan – die vorwiegend muslimisch sind – stimmten der Aussage zu „Juden haben in der Welt zu viel Einfluss“. Bei den Eritreern war der Anteil gering.[8]

In der RIAS-Studie sind viele weitere interessante Beobachtungen zu finden. Hier können nur wenige angeführt werden. Juden nehmen gegenwärtigen Antisemitismus sehr anders wahr als die nichtjüdische Mehrheit, die mit vielen Aspekten des Hasses nicht vertraut ist. Die Befragten wurden auch gefragt, wo ihnen Antisemitismus begegnet. Aus den Antworten kann man schließen, dass solche Reaktionen überall auftreten können, sei es bei Sport, Kontakten mit den Behörden, in Gesprächen mit Bekannten, wenn man Gesprächen am Nachbartisch zuhört, am Arbeitsplatz, beim Einkaufen usw.[9] Es wurden mehrfach Antisemitismus-Erfahrungen in Schulen angeführt..

Anfang des Jahres ernannte Bayern einen Antisemitismus-Beauftragten, Ludwig Spaenle, den ehemaligen Bildungsminister. Er reagierte auf die RIAS-Studie mit der Aussage, sie beweise, dass Staat und Zivilgesellschaft klare Signale setzen müssten. Eine Kultur des genauen Hinschauens müsse in Sachen Antisemitismus entwickelt werden.[10]

Im August 2018, als Spaenle hundert Tage im Amt war, gab er ein Interview zu seinen vorläufigen Schlüssen. Er sagte, dass Judenhass zunehme. Er merkte an, dass Täter nicht nur von Rechts kommen. Die von Links und Muslime konzentrieren sich oft auf Israel. Spaenle betrachtete es als dringlich in Bayern eine Hotline einzurichten, wo Anzeigen zu Antisemitismus gemeldet werden können.[11]

Spaenle erwähnte ausdrücklich Antisemitismus in Schulen als Problem. Er will Lehrern Kurse dazu anbieten, wie man mit antisemitischen Stereotypen umgeht, insbesondere solchen unter Muslimen. Er sagte, seit 2015 haben viele junge Flüchtlinge Deutschland betreten, die mit Vorurteilen gegenüber Juden aufgewachsen sind. Angesichts dessen will Spaenle auch Techniken zur Bekämpfung von Antisemitismus in Integrationskurse einfließen lassen. Er merkte an, als er den Posten des Antisemitismusbeauftragten annahm, sei er sich der Vielzahl der Aufgaben nicht bewusst gewesen, denen er gegenüber steht.

 

[1] https://report-antisemitism.de/media/RIAS_BK_Problembeschreibung_Antisemitismus_in_Bayern.pdf, S. 20

[2] Ebenda, S. 21.

[3] Ebenda, S. 20.

[4] https://report-antisemitism.de/media/RIAS_BK_Problembeschreibung_Antisemitismus_in_Bayern.pdf

[5] Ebenda, S. 8.

[6] Ebenda, S. 9.

[7] http://www.ls4.soziologie.uni-muenchen.de/aktuelle_forschung/einstellungen2016/forschungsbericht_gmf_2016.pdf

[8] www.hss.de/download/publications/Asylsuchende_in_Bayern.pdf

[9] https://report-antisemitism.de/media/RIAS_BK_Problembeschreibung_Antisemitismus_in_Bayern.pdf, S. 22

[10] www.sueddeutsche.de/bayern/antisemitismus-studie-bayern-straftaten-1.4129876

[11] http://www.sueddeutsche.de/muenchen/juedisches-leben-in-muenchen-antisemitismus-beauftragter-spaenle-zieht-tage-bilanz-1.4095108

 

Heplev


Dienstag, 09 Oktober 2018







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