Zentrum für Antisemitismusforschung: Kooperation mit Israelhassern?

Zentrum für Antisemitismusforschung: Kooperation mit Israelhassern?


Am vergangenen Mittwoch sollte eine Tagung des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) zum Thema Islamfeindlichkeit stattfinden - in Kooperation mit einer Vereinigung, die den antisemitischen `Al-Quds-Tag´ in London mitorganisiert und große Stücke auf die libanesische Terrororganisation Hisbollah hält.

Von Alex Feuerherdt

Aus ihrer extrem antiisraelischen, dem Islamismus zugewandten Haltung macht die Londoner Organisation Islamic Human Rights Commission (IHRC) keinen Hehl. Sie ist Mitorganisatorin des jährlichen „Al-Quds-Tages“ in der britischen Hauptstadt, einer antisemitischen Veranstaltung, die vom iranischen Regime ausgeht und auf der weltweit in verschiedenen Städten zur „Befreiung Jerusalems“ aufgerufen wird. Auf ihrer Website berichtet die IHRC stolz, bei der diesjährigen Demonstration im Juni hätten die Teilnehmer „Tod Israel“ und andere Parolen „gegen das Besatzungsregime in Tel Aviv“ gerufen. Zudem sei „eine Reihe von Flaggen der libanesischen Widerstandsbewegung Hisbollah“ gezeigt worden, die „der libanesischen Armee tatkräftig bei der Verteidigung gegen die israelische Aggression geholfen“ habe.

In Wirklichkeit ist die Hisbollah eine vom Iran unterhaltene Terrororganisation, deren Ziel die Vernichtung des jüdischen Staates ist. Auf dem YouTube-Kanal der IHRC findet sich zudem die Rede, die Scheich Mohammed Bahmanpour auf dem Londoner „Al-Quds-Tag“ hielt. Er sagte, Israel werde „von der Landkarte gefegt“, und drohte: „Hier ist meine Botschaft an die zionistische Bande, die Palästina besetzt hält: Eure Tage sind gezählt. Entweder geht ihr selbst oder wir werden euch aus Palästina hinauswerfen. Das ist ein Versprechen!“

Beim Aufmarsch ein Jahr zuvor war es ebenfalls zu antisemitischen Äußerungen gekommen, etwa von Nazim Ali, einem führenden Funktionär der Islamic Human Rights Commission. Laut der Tageszeitung Telegraph und anderen britischen Medien machte er in einer Rede auf der Demonstration „Zionisten“ für den Brand im Grenfell Tower verantwortlich. Das Wohnhochhaus im Londoner Stadtteil North Kensington war am 14. Juni 2017 durch ein Feuer zerstört worden, 71 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. „Die Zionisten gehören zu den größten Unterstützern der konservativen Partei“, sagte Ali. „Sie sind verantwortlich für die Ermordung der Menschen im Grenfell Tower. Zionisten geben der Tory-Partei Geld und töten Menschen in Hochhäusern.“ Eine geradezu klassische antijüdische Verschwörungstheorie also. In der Vergangenheit hatte die IHRC auch schon mal die universelle Definition der Menschenrechte als das Werk „eines führenden Zionisten“ gebrandmarkt.

 

Ein ZfA-Fellow im Projektteam der islamistischen IHRC

Umso erstaunlicher mutet es an, dass am vergangenen Mittwoch eine führende Vertreterin der khomeinistischen und mit der Hisbollah sympathisierenden IHRC bei einer Tagung des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der Technischen Universität Berlin auftreten sollte und dass es ein Research Officer der IHRC war, der diese Veranstaltung für das ZfA in die deutsche Hauptstadt geholt hatte. Vorgestellt werden sollten die Ergebnisse des „Counter-Islamophobia Kit“, bei dem es um Aufklärungs- und Bildungsarbeit zum Thema Islamfeindlichkeit geht. Dieses Projekt, zu dem Mitarbeiter diverser europäischer Universitäten, aber auch die IHRC beigetragen haben, wird von der Europäischen Union gefördert. Luis Hernández Aguilar, ein Fellow des ZfA, gehörte für die Islamic Human Rights Commission dem Projektteam an und erreichte, dass die Resultate auf einer Tagung in Berlin präsentiert werden sollten. Als Referentin war dabei auch Arzu Merali von der IHRC vorgesehen. Doch auf Initiative des Grünen-Politikers Volker Beck lud das ZfA sie am Montag wieder aus.

Der stellvertretende Direktor des ZfA, Uffa Jensen, sagte dazu gegenüber der taz: „Da wir den Eindruck vermeiden möchten, mit der IHRC zusammenzuarbeiten, haben wir Frau Merali von der IHRC abgesagt.“ Ihm sei nicht bekannt gewesen, dass die IHRC den „Al-Quds-Tag“ in London organisiert. Beck genügte das nicht, er forderte mit Blick auf die Tätigkeit von Hernández Aguilar für die Islamic Human Rights Commission: „Das Zentrum für Antisemitismusforschung darf nicht Unterstützer antiisraelischer Initiativen für koscher erklären. Eine auch nur indirekte Kooperation mit dem Londoner Al-Quds-Tag ist inakzeptabel.“ Jensen dagegen hat offenbar kein Problem mit dem Organisator: „Wir sind sehr froh, mit Herr Aguilar einen international ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der Islamfeindschaft als Fellow gewonnen zu haben. Ich bin für die Angaben auf der Website des IHRC nicht verantwortlich.“

Hernández Aguilar selbst findet der taz zufolge die Kritik an dem Projekt „falsch und verletzend“. Es sei dadurch ein „Klima des Hasses“ gegenüber den Beteiligten entstanden. Am Dienstag erklärte die IHRC zunächst, die Tagung werde „aus Sicherheitsgründen“ an einen anderen Ort verlegt. Wegen „falscher Beschuldigungen gegen die IHRC und Mitwirkende an dem Projekt“ wollten die Organisatoren die Veranstaltung nicht wie geplant im ZfA stattfinden lassen, um „die Teilnehmer vor Belästigungen und Drohungen zu schützen“. In Politik und Medien habe es „unverantwortliche Kommentare“ gegeben. Man weise auch die Vorwürfe gegen die IHRC wegen des „Al-Quds-Tages“ zurück. Dieser sei, so heißt es auf der Website der Organisation allen Ernstes, „ein Joint Venture von muslimischen, jüdischen, christlichen und anderen Aktivisten und Gruppen aus Großbritannien und Israel“ sowie „ein Beispiel für die muslimisch-jüdische Partnerschaft im Kampf für Gleichheit und Rechte für alle“.

 

Das ZfA steht nicht zum ersten Mal in der Kritik

Am Ende wurde die Tagung nicht verlegt, sondern „aus Sicherheitsgründen“ abgesagt, und zwar vom Projektträger, der Universität Leeds. Der Jüdischen Allgemeinen sagte Uffa Jensen, es habe „Drohungen in den sozialen Medien“ gegeben, weshalb die Sicherheit der eingeladenen Gäste nicht habe gewährleistet werden können. Volker Beck äußerte Zweifel daran: „Gewaltdrohungen sind inakzeptabel und zu verurteilen. Die behaupteten Drohungen glaube ich allerdings erst, wenn ich sie sehe. Bei Drohungen weicht man grundsätzlich nicht zurück, sondern ruft die Polizei.“ Das Zentrum für Antisemitismusforschung schulde der Öffentlichkeit außerdem eine Antwort auf die Frage: „Was sagt ihr Fellow Hernández Aguilar zum Thema Antiisraelismus und der iranischen Al-Quds-Tag-Kampagne?“

Die Antwort ist: Nichts – da die bisherige kritische Berichterstattung über die „Counter-Islamophobia Kit“-Veranstaltung zu einem „Klima der Feindseligkeit“ geführt habe, wie er meint. Aber vielleicht hat sich der ZfA-Fellow im Projektteam der islamistischen IHRC dazu ja auf der Podiumsdiskussion „Living with Islamophobia“ geäußert, an der er am Donnerstagabend im Jüdischen Museum in Berlin teilgenommen hat.

Dem ZfA wiederum fällt zum wiederholten Male sein politischer Ansatz auf die Füße. Bereits vor zehn Jahren hatte seine Tagung „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ für viel Kritik gesorgt, weil dabei die Feindschaft gegen Muslime mit dem Antisemitismus gleichgesetzt wurde, unter Ausblendung der erheblichen Unterschiede zwischen beiden. Der islamisch Die Veranstaltung wurde schließlich jedoch abgesagt. Nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil die Sicherheit der Teilnehmer gefährdet gewesen sei, wie es heißt. Das wirft Fragen auf, zumal das ZfA nicht zum ersten Mal in der Kritik steht.motivierte Hass gegen Juden und die Vernichtungsdrohungen gegen Israel waren ebenfalls kein Thema. Beim Zentrum für

Antisemitismusforschung hat man einen Schwerpunkt auf die „Vorurteilsforschung“ gelegt, die das Besondere und Spezifische am Antisemitismus – also dem eigentlichen Thema des ZfA – nicht verdeutlicht, sondern im Gegenteil vernebelt. Die Kooperation mit der IHRC – deren Kampf gegen „Islamophobie“ vor allem der Abwehr jeglicher Kritik am politischen Islam, der Unterstützung islamistischer Organisationen und dem Angriff auf den jüdischen Staat dient – ist allerdings ein neuer Tiefpunkt. Eine Einrichtung zur Erforschung des Antisemitismus, die sich eine solche Vereinigung ins Haus holt, statt sie zum Gegenstand von Kritik zu machen, desavouiert sich selbst.

 

Foto: TU Berln (Von Mangan2002 (sv.wikipedia.org), CC BY 2.5)


Freitag, 12 Oktober 2018