Das Drama der Christen im ehemaligen Irak

Das Drama der Christen im ehemaligen Irak




von Dr. Nathan Warszawski

Vor wenigen Tagen traf sich SPD-Chef Sigmar Gabriel mit hochrangigen Vertretern der Jesidischen Gemeinde in Deutschland. Diese versicherten ihm glaubhaft, das die vor den Häschern der IS flüchtenden Angehörigen ihrer Konfession aufs äußerste gefährdet sind und unsägliche Qualen zu erleiden haben. Es ist, leider, immer dasselbe Elend: Hunger, Hitze – Krankheiten. So lichten sich die Reihen. Der Tod greift unbekümmert zu.

Es war gut, dass Gabriel mit diesen Menschen sprach. Es ist und bleibt beschämend, das weder er noch die Angehörigen der sogenannten christlich-konservativen Parteien es für nötig hielten, die gleichsam unerbittlichen Verfolgungen ausgesetzten Anhänger ihres eigenen Glaubens auch nur zu erwähnen. Der Papst freute sich just über den Pokalsieg von San Lorenzo und weilt derzeit in Südkorea. Je mehr sich das Drama seiner ´Schutzbefohlenen´ in Mesopotamien zuspitzt, umso weniger fällt diesem Sachverwalter des Sakralen dazu noch ein. Es bleibt ohnehin merkwürdig, dass dieser Aspekt auch weiterhin von den Medien entweder wohlfeil unterschlagen oder nur peinlich am Rande erwähnt wird. Merkwürdig oder nicht: im mehrheitlich von Christen bevölkerten Europa demonstriert keiner der hier ansässigen Christen für die im Irak bedrohten Christen.

Im mehrheitlich von Kurden kontrollierten nördlichen Irak hat man vielen der schon vor Jahren aus ihrer Heimat vertriebenen Christen immerhin so etwas wie eine zweite Heimat gewährt. Dort schälte sich, dank massiver militärischer Schützenhilfe der USA, eine quasi-staatliche Autonomie für die Kurden heraus, die von der benachbarten Türkei auch weiterhin mit verhaltenem Groll zur Kenntnis genommen wird. Es gibt in dieser Region mittlerweile Städte, in denen sich die Zahl der Christen innerhalb von drei Jahren nahezu verdoppelte. Offenbar kommen Kurden und Christen gut miteinander aus: von Ausschreitungen und Pogromen war nie die Rede. Ferner weiß man, dass die Peschmerga-Milizen für den Schutz eintreffender christlicher Flüchtlinge verantwortlich zeichnen. Und diese fühlen sich in deren Obhut sicher.

Aber was im Norden des Irak im Schatten eines irrwitzigen Glaubensfeldzuges gelingt, das funktionierte auch schon im Schatten einer bleiernen Diktatur, die südlich dieser verlässlich geschirmten Sicherheitszone, nämlich vom heute heiß umkämpften Bagdad aus, alle Fäden zog. Unter dem Regime Saddam Husseins stand einer Pflege eigener Riten und Gebräuche nichts im Weg. Ganz im Gegenteil hat der Staat seinerzeit mittels großzügiger finanzieller Unterstützung den Ausbau und die Sanierung sakraler Stätten alimentiert und auch den einen oder anderen Neubau bezuschusst. Dazu Konferenzen und Versammlungen mit Glaubensbrüdern und Schwestern aus aller Welt ermöglicht. Und schon seit den frühen Siebziger Jahren wurde die assyrische Sprache gefördert. Erinnert: Das NATO-Mitglied Türkei tat sich unendlich schwer, dem Kurdischen auch nur den Rang einer eigenen Sprache anzuerkennen. Der regierenden Baath-Partei gehörten übrigens auch christliche Minister an, dessen prominentestes Mitglied der Chaldäer Tariq Aziz war; der zweite Mann im Land.

Wer hört das schon gerne. Jedenfalls stellten die Christen im Kernland des früheren Mesopotamien seit dem ersten Jahrhundert eigener Zeitrechnung einen zunehmende Anteil der Gesamtbevölkerung, der dann im 7. Jahrhundert, da die islamischen Eroberer in dieses Gebiet vordrangen, rasch unter die Hälfte fiel. Der Schwund setzte sich im Zuge der osmanischen Besatzung fort. Danach stieg er zeitweilig wieder an. In den 1980er-Jahren machten die Christen verschiedener Glaubensrichtungen noch etwa 15 % aus, bevor der Anteil auf zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung (ca. 29–31 Millionen) herunter fiel. Der Rest ist bekannt. Jetzt flüchtet der Rest vom Rest. Außer Landes. Obama lässt (ein bisschen) bomben, Deutschland denkt über weitere Hilfslieferungen nach und keiner nennt das Kind beim Namen: bald wird es keine Christen mehr in diesem Land geben. Ob nicht wenigstens der Umstand, dass die überlebenden Christen im freien Kurdistan selbst volle Freizügigkeit genießen, für ein wenig Hoffnung Anlass bietet? Im Sinne eines echten, auf gegenseitiges Vertrauen und Respekt fußenden Miteinanders? Das wird die Zukunft zeigen.

Noch ein ganz persönliches Wort zum Schluss. Mitunter wundert es mich selbst, dass ausgerechnet ich immer wieder auf den Niedergang des angestammten Glaubens zu sprechen komme. Schließlich trat ich schon vor Jahren aus der Kirche aus und für besonders fromm halte ich mich schon gar nicht. Mich haben die evangelischen Gottesdienste bereits in meiner Kindheit entsetzlich gelangweilt. Das Gros der sakralen Elite, gleich wo auf der Welt vertreten, war und ist mir gleichsam aufrichtig zuwider. Das hinderte mich dennoch nicht, gegen den Widerstand einer mit viel Multikulti bewaffneten Meinungsführerschaft, einen christlichen Gottesdienst an unserer – mehrheitlich von Muslimen besuchten – Schule durchzusetzen, den ich eben nicht als Ausgrenzung verstand: Wer den Glauben der andern ernst nimmt, sollte den eigenen nicht ängstlich verstecken. Wahrscheinlich gilt für uns vermeintlich ´Ungläubige´ eben das Gegenteil von dem, was ein selbstherrlicher Rechtgläubiger für gewiss hält: wir haben einen viel tieferen, stärkeren Glauben nötig, angesichts der ständigen Zweifel, die wir hegen, weil wir eben fast alles dauernd in Frage stellen. Aber nur so kommt man zu neuen Antworten. Und neuen Fragen, allerdings. Stellt sich abschließend noch die Frage, um wie viel stärker der Glaube der vom Irrglauben Verfolgten im zerfallenden Irak sein muss, um mit den Miseren fertig zu werden, die diesen Menschen noch bevorstehen.

Shanto Trdic, 15.08.14

 

Numeri 24 : 9

 

Dr. Nathan Warszawski bei haOlam.de (Auswahl):


Samstag, 30 August 2014






Am Psalter beispielsweise gerät der nicht zuletzt von Selbstgefälligkeit bedrohte Glaube schlicht - außer sich. Er wird daran vergewissert, wo und wie er fern vermeintlich beseligender Innerlichkeit wahrlich nicht selten lebt, mithin im leidend berungenen Staub dieser Erde. Mit den Händen ja auch an suchender Hand ständig fragenden Zweifels. Und allzu oft - an irrend errichtetem, tatenlos besehenem Kreuze.