Die getrübte Zukunft des westeuropäischen Judentums

Die getrübte Zukunft des westeuropäischen Judentums


Die Zukunft der westeuropäischen Juden scheint getrübt zu sein. Je weiter man sich vom Holocaust entfernt, desto weniger Widerstand gibt es gegenüber dem Wiederaufkommen des Antisemitismus.

Von Dr. Manfred Gerstenfeld

 

Dieses Schüren von Hass ist mehr als tausend Jahre integraler Teil der europäischen Kultur gewesen.[1] Um Missverständnisse zu vermeiden: Das sollte nicht mit der falschen Äußerung durcheinander gebracht werden, dass die meisten Europäer Antisemiten seien.

 

Für viele westeuropäische Juden sind die Probleme in ihrem sozialen Umfeld durch die Zuwanderung von Millionen Antisemiten aus muslimischen Ländern, in denen die Mehrheit der Einwohner extreme Vorurteile zu Juden haben,[2] enorm verstärkt worden. Die verfügbaren Statistiken zeigen, dass sowohl der klassische Antisemitismus als auch antiisraelische Einstellungen bei europäischen Muslimen weit stärker verbreitet sind als bei den einheimischen Bevölkerungen.[3] [4] Schlimmer noch: Alle tödlichen Terroranschläge der letzen zehn Jahre gegen Juden in Europa, bei denen die Täter identifiziert wurden, sind von Muslimen begangen worden.[5] Zusätzlich entfallen viele der extremistischsten antisemitischen Äußerungen ebenfalls auf Mitglieder der muslimischen Gemeinschaften.

 

Darüber hinaus gibt es regelmäßige Kampagnen gegen jüdische Rituale. Bei der wichtigsten geht es um das religiösen Schlachten ohne Betäubung, das für koscheres Fleisch vorgeschrieben ist. Schon im späten 19. Jahrhundert war die Schweiz das erste europäische Land, das sie verbot. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das religiöse Schlachten ohne Betäubung auch in Schweden und Norwegen, teilweise durch die ideologische Einflussnahme der Nazis, verboten. In den letzten Jahren ist es in Dänemark und einem Großteil von Belgien verboten worden.[6] [7] In mehreren anderen Ländern gibt es Widerstand starker Tierschutzgruppen und manchmal antiislamischer Bewegungen gegen diese Art des Schlachtens. Die große Mehrzahl der ohne Betäubung geschlachteten Tiere in Europa entfällt auf das Halal-Schlachten.

 

Island hat eine Bevölkerung von weniger als 350.000. Es ist kein Mitglied der Europäischen Union. Das Land hat eine lange antisemitische Tradition.[8] Die Zahl der jüdischen Bürger ist immer winzig gewesen. Island wurde vor kurzem das erste europäische Land mit einem Gesetzesentwurf im Parlament, mit dem die männliche Beschneidung verboten werden sollte.[9] Das mögliche Verbot dieses Rituals wird auch zuweilen in anderen westeuropäischen Ländern diskutiert. Religiöse Juden können importiertes koscheres Fleisch essen, wenn betäubungsloses Schlachten in ihrem Land verboten ist. Doch ein viel größerer Prozentsatz der Juden als die, die koscher essen, lassen ihre Söhne beschneiden. Ein Verbot dieses Rituals würde das Überleben der jüdischen Gemeinden weit problematischer machen.

 

Analysiert man die Zukunft des europäischen Judentums, dann besteht ein weiterer wichtiger Faktor in der Natur der jüdischen Verbundenheit. Heutzutage gehört dazu die Verbundenheit durch Beteiligung an Religion, Feiertagen und Bräuchen, Bindung an die jüdische Gemeinschaft und Verbundenheit über Interesse an der jüdischen Kultur. Andere Arten der jüdischen Verbundenheit schließen Israel, Sensibilität für Antisemitismus sowie durch Holocausterfahrungen und Geschichte mit ein.

 

Beim Auftreten antisemitischer Aggression in der Öffentlichkeit sind die Gefahren nicht gleichmäßig auf alle Juden verteilt. Dem größten Risiko sehen sich die ausgesetzt, die als Juden erkennbar sind, zum Beispiel durch ihre Kleidung oder Physiognomie. Der Ernst des Problems hängt auch von der Stadt oder dem Viertel ab, in dem man lebt. Schwedens drittgrößte Stadt, Malmö, wird oft als Europas Hauptstadt des Antisemitismus betrachtet.[10] Aggression gegen Juden übertrifft in Malmö bei weitem die in Gemeinden wie dem Borough von Barnet im nördlichen London, wo viele Juden leben. Einige öffentliche Schulen, in denen jüdische Kinder lernen, können ebenfalls riskante Milieus sein, zum Beispiel in Deutschland.

 

In Sachen Aggression sind die nächsten in der Reihe Synagogen, jüdische Schulen und andere jüdische Einrichtungen. Auch jüdische Veranstaltungen, Restaurants und Geschäfte sind angegriffen worden.

 

Die Faktoren, die man bei der Diskussion der jüdischen Zukunft in Europa berücksichtigen muss, sind grundverschieden. Hohe Anteile an interreligiösen Ehen verwässern die jüdische Verbundenheit. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden mehrere jüdische Gemeinden durch Zuwanderung wie den massiven Zustrom nordafrikanischer Juden nach Frankreich in den 1950-er und 1960-er Jahren gestärkt.[11] Eine weitere Zuwanderungswelle bestand aus russischen Juden, die nach Deutschland kamen.[12] In Westeuropa scheint keine weitere derartige Massenzuwanderung bevorzustehen. Es mag viel kleinere Bewegungen an Israelis geben, die in einige europäische Städte ziehen. Viele davon beteiligen sich nicht an jüdischen Gemeindeaktivitäten.

Zu den Faktoren, die die Menschen davon abhalten ihre Heimatländer zu verlassen, selbst wenn sie das wollten, gehören fehlende berufliche und Sprachkenntnisse, die in Israel, den Vereinigten Staaten oder Kanada gebraucht werden. Familiäre Umstände bilden ebenfalls oft einen Grund dafür nicht wegzuziehen.

 

In den europäischen Ländern ist jüdische Auswanderung nicht gleichmäßig verbreitet. Oft ist Antisemitismus nicht der einzige Motivationsfaktor. In absoluten Zahlen fand die größte jüdische Emigration der letzten Jahre aus Frankreich statt.[13] Bei der Entscheidung es zu verlassen spielten auch wirtschaftliche Probleme des Landes eine Rolle. Wenn in Großbritannien die Labour Party – erschüttert von Antisemitismus und dem linksextremen Vorsitzenden Jeremy Corbyn – an die Macht kommt, dürfte die Emigration britischer Juden ebenfalls zunehmen.[14]

 

Wir haben zwar keine Daten dazu, aber die Annahme ist vertretbar, dass der Anteil derer, die wegziehen, bei denen am höchsten ist, die am aktivsten jüdisch sind. Der Kern des europäischen jüdischen Lebens scheint damit schneller zu erodieren, als der der eher marginal Beteiligten.

 

Infolge der vielen Faktoren, die im Spiel sind, können kaum präzise Vorhersagen gemacht werden. Doch eines ist klar. Unter den vielen Themen, die die jüdische Zukunft in Westeuropa bestimmen, gibt es wenig positive.

 

[1] https://heplev.wordpress.com/2015/06/29/warum-antisemitismus-teil-der-europaischen-kultur-ist/

[2] http://www.adl.org/news/press-releases/adl-global-100-poll

[3] https://heplev.wordpress.com/2018/01/22/muslimischer-antisemitismus-in-grossbritannien/

[4] https://heplev.wordpress.com/2018/02/06/der-in-grossbritannien-weit-verbreitete-antisemitismus/

[5] http://jcpa.org/book/the-war-of-a-million-cuts-the-struggle-against-the-delegitimization-of-israel-and-the-jews-and-the-growth-of-new-anti-semitism/ S. 163.

[6] http://www.theguardian.com/commentisfree/andrewbrown/2014/feb/20/denmark-halal-kosha-slaughter-hypocrisy-animal-welfare

[7] http://www.independent.co.uk/news/world/europe/belgian-region-walloon-bans-kosher-halal-meat-islam-jewish-a7723451.html

[8] http://www.jcpa.org/text/nordic.pdf, 219-239.

[9] ww.nytimes.com/2018/02/28/world/europe/circumcision-ban-iceland.html

[10] https://heplev.wordpress.com/2015/02/09/jahrzehnte-langes-schuren-von-antiisraelischem-hass-durch-schwedens-sozialdemokraten/

[11] http://www.theguardian.com/news/2015/jan/15/-sp-threat-to-france-jews

[12] http://jcpa.org/article/the-jewish-community-in-germany-living-with-recognition-anti-semitism-and-symbolic-roles/

[13] http://www.theguardian.com/world/2017/jan/12/rise-in-numbers-of-jews-leaving-europe-for-israel-is-not-an-exodus

[14] https://heplev.wordpress.com/2018/03/05/ein-britischer-premierminister-corbyn-die-juden-und-israel/

 

 

Heplev -Dr. Manfred Gerstenfeld war langjähriger Direktor und Mitbegründer des Jerusalem Centers for Public Affairs (JCPA), er ist Autor u.a. in der Jerusalem Post und Arutz Sheva. /  / Foto: Foto: Eines der Wahrzeichen Berlins ist die Kuppel der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße (Foto: Ansgar Koreng / , via Wikimedia Commons)


Dienstag, 03 April 2018