Raw Frand zu Parschat Wajechi: Keine Regel ohne Ausnahme

Raw Frand zu Parschat Wajechi:

Keine Regel ohne Ausnahme


An diesem Shabbat lesen wir die Parascha Wajechi aus der Torah. Raw Frand erläutert Aspekte dieser Parascha und ihrer Bedeutung. Heute lesen Sie den ersten Kommentar zur Parascha.

Jaakow Awinu erklärte Josef, dass dessen Kinder – Menasche und Efrajim – den gleichen Status wie Jaakows eigene Kindern Re’uwen und Schimon haben würden. Sie würden als Söhne betrachtet werden. Josef stellte seine Söhne vor Jaakow, Menasche zu seiner Rechten, da er meinte, sein Erstgeborener solle den „stärkeren Segen“ erhalten, und Efrajim zu seiner Linken. Jaakow jedoch kreuzte seine Hände, legte also seine rechte Hand auf Efrajims Kopf, der links stand und seine linke Hand auf Menasche, der rechts stand. [Bereschit 48:13-14]

Ich sah dazu einen interessanten Gedanken im Namen von Raw Jaakow Kamenetsky sZ’l. Die Gemara schreibt [Schabbat 10b], dass ein Mensch nie eines seiner Kinder den anderen vorziehen soll. Der Verkauf von Josef und die Folgen davon - das Exil in Ägypten - all dies geschah, weil Jaakow seinen Sohn Josef bevorzugte. Wenn es irgendjemanden gibt, der die fatalen Folgen solcher Bevorzugung kennen sollte, dann Jaakow. Weshalb scheint es dann, als ob Jaakow hier den gleichen Fehler wiederholt hätte? Zieht er jetzt nicht Josefs Kinder seinen übrigen Enkeln vor, gleich wie er einige Jahrzehnte früher Josef seinen anderen Kindern vorgezogen hatte? Weshalb sagt er jetzt: "Alle anderen Enkel sind nur Enkel, doch diese Enkel sind wie meine Kinder." Die Geschichte scheint sich zu wiederholen!

Und wenn Jaakow der Rivalität zwischen Cousins keine Bedeutung beimessen sollte, was war mit der Rivalität zwischen Geschwistern? Sogar zwischen Menasche und Efrajim bevorzugt er offensichtlich den jüngeren Bruder Efrajim!

Raw Jaakow Kamenetsky sagt uns hier einen erstaunlichen Chiddusch (Neuigkeit) zur Kindererziehung: Die Regel ist, dass man nie ein Kind den anderen vorziehen soll. Doch, "keine Regel ohne Ausnahme." Raw Jaakow beharrt darauf, dass es zu dieser Regel Ausnahmen hat. Es kann manchmal sein, dass ein Kind mehr Zeit, mehr Einsatz oder mehr Interesse benötigt als ein anderes.

Wer mehr als ein Kind hat, weiss, dass verschiedene Kinder unterschiedliche Bedürfnisse haben. Wenn man ein neues Auto auswählt, dann gibt es Autos, die viel Wartung brauchen und "pflegeleichte Autos." Das gleiche gilt auch bei Kindern. Einige Kinder sind "pflegeleicht". Sie gehen zur Schule, sie benehmen sich korrekt, sie machen ihr Bett am Morgen, sie putzen ihre Zähne, sie sind respektvoll – alles wunderbar! Manche Kinder jedoch, sind genau das Gegenteil.

Raw Jaakow Kamenetsky bemerkt, wenn Eltern sehen, dass ein Kind aus irgendeinem Grund, sei es körperlich, emotionell, psychologisch oder einfach weil dies seine Natur ist, mehr braucht als ein anderes, dann müssen sie tun, was sie können, um dem Kind zu helfen. Man muss versuchen, es den anderen Kindern zu erklären und hoffen und beten, dass sie es verstehen werden.

Ein Mensch soll aber nicht nach einer plötzlichen Laune oder grundlos so handeln. Dies sagt uns die zuvor erwähnte Gemara. Aus irgendeinem Grund waren Jaakows Überlegungen, die ihn zur Bevorzugung von Josef führten, falsch. Doch jetzt sah Jaakow klar, dass Efrajim und Menasche anders als die restlichen Enkel behandelt werden mussten.

Weshalb mussten sie anders behandelt werden? Die anderen Enkel wuchsen sehr behütet auf. Sie hatten Onkel und Tanten und Cousins. Sie hatten einen Grossvater, hatten ein familiäres Umfeld, das sie bestärkte. Efrajim und Menasche waren alleine, zwei jüdische Kinder in Ägypten. Sie waren die einzigen Jehudim im Land. Dies ist, wie wenn man versucht, eine jüdische Familie in Great Falls, Montana aufzuziehen. Es gibt keine Jehudim dort. Kinder, die in Great Falls, Montana aufwachsen, sind anders als Kinder, die in Baltimore, Maryland aufwachsen.

Dies erklärt, weshalb Josefs Kinder den anderen Enkeln vorgezogen wurden. Weshalb aber wurde Efrajim Menasche vorgezogen?

Raw Jaakow Kamenetsky erklärte, dass Menasche so hiess, "ki naschani Elokim et kol Amali we’et kol Bet Awi" [Bereschit 41:51] (denn G’tt hat mich mein ganzes Unglück und mein Vaterhaus vergessen lassen). Er war ein Kind, das die "Alte Welt" verkörperte. Als Menasche geboren wurde, litt Josef noch sehr unter allem, das er durchgegangen war. Dieses Kind war eine Rückkehr in das Haus seines Vaters. Doch Efrajim erhielt den Namen "ki hifrani Elokim be'Erez Onji" [41:52] (Denn G’tt hat mich im Lande meines Elends blühen lassen). Er war ein Kind der neuen Welt.

Efrajim musste deshalb anders als Menasche behandelt werden. Jaakow Awinu befürchtete, dass ihm etwas geschehen würde, wenn er nicht diese spezielle Behandlung erhalten würde. Deshalb beschloss er, dass Efrajim zusätzliche Unterstützung bekommen musste. Und "er kreuzte seine Hände."

Die Justiz muss alle einheitlich behandeln, doch Chinuch (Erziehung) muss dies nicht. Chinuch DARF nicht alle Menschen gleich behandeln. Der Netiwot haMischpat erklärt eine Gemara (Talmudstelle) im Traktat Baba Batra [8b]. Die Gemara dort erklärt den Pasuk in Daniel wörtlich [12:3] "Und sie, die weise sind, sollen leuchten wie die Helligkeit des Firmaments; und sie, die viele zur Rechtschaffenheit bringen, wie die Sterne für immer und ewig." Die Gemara sagt, der erste Teil des Pasuk bezieht sich auf Richter; die zweite Hälfte auf Lehrer von jungen Kindern.

Der Netiwot haMischpat entwickelt diesen Gedanken noch einen Schritt weiter. Ein Richter wird mit einem hellen monochromatischen Licht verglichen, da das Recht für alle Menschen gleich gilt. Doch die Lehrer von jungen Kindern werden mit Sternen verglichen. Sterne haben verschiedene Farben. Es gibt blaue, orange und gelbe Sterne. Gleich müssen verschiedene Lichter auf verschiedene Kinder gerichtet werden. Man kann nicht die gleiche Beleuchtung für alle Kinder benutzen.

Der Lehrer (und alle Eltern sind Lehrer), im Gegensatz zu einem Richter, kann seine Lehren nicht einheitlich an seine Schüler verteilen. Chinuch muss massgeschneidert sein.
 

 

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Freitag, 29 Dezember 2017