Raw Frand zu Parschat Behaalotecha: Wir verstehen nicht einmal unsere eigenen Motive ohne weisen Rat von aussen

Raw Frand zu Parschat Behaalotecha:

Wir verstehen nicht einmal unsere eigenen Motive ohne weisen Rat von aussen


An diesem Shabbat lesen wir die Parascha Behaalotecha aus der Torah. Raw Frand erläutert Aspekte dieser Parascha und ihrer Bedeutung. Heute lesen Sie den ersten Kommentar.

Wir verstehen nicht einmal unsere eigenen Motive ohne weisen Rat von aussen

Parschat Behaalotecha beinhaltet den Abschnitt der Mitlonenim (Nörgler) [Kapitel 11]. Die Juden wollten Fleisch essen. Sie erinnerten sich an all die „wunderbaren Delikatessen“, die sie in Ägypten gegessen hatten - und beklagten die Tatsache, dass sie diese Gerichte in der Wildnis vermissten. "Alles, was wir haben, ist dieses Man (Manna)." Juden beschweren sich immer über das Essen! Sie sehnten sich nach Knoblauch und Zwiebeln, die sie in Ägypten gegessen hatten. Der Vers [Bamidbar 11:10] lehrt, dass Mosche das Volk am Eingang ihrer Zelte weinen hörte (boche leMischpechotaw Isch lePetach Ohalo). Raschi erklärt, der Ausdruck „boche leMischpechotaw“ bedeute, dass sich die Menschen im Freien in Familien gruppierten, um ihre Beschwerden gemeinsam kundzutun. Es war kein Familien-Picknick, es war eine familiäre "Heulzeremonie". Die Familie sass gemeinsam an ihrer Eingangsschwelle und beklagte sich öffentlich über die

Nahrungssituation in der Wildnis. Raschi zitiert eine andere Interpretation unserer Weisen bezüglich des Ausdrucks „boche leMischpechotaw“: Das Weinen habe sich "auf die Familien" bezogen. In anderen Worten: Sie beklagten sich über die verbotenen geschlechtlichen Beziehungen, die Issurej Arajot, die von der Torah über das jüdische Volk erlassen wurden.

 

Gemäss dieser rabbinischen Tradition, war die hauptsächliche Beschwerde nicht auf die Zwiebeln bezogen. Dieses Ereignis geschah eine gewisse Zeit nachdem das jüdische Volk die Torah erhalten hatte. Die Torah untersagte die Heirat verschiedener Frauen - die Beziehungen, die als Arajot-Verbote bekannt sind. Dies war es, worüber sie weinten. Sie sagten "Zwiebeln", doch sie meinten "Arajot". Raw Ja‘akov Kaminetsky stellt eine einfache Frage: Wie können wir ihnen Wörter in den Mund schieben? Der Vers besagt, dass sie sich über die Zwiebeln und Gurken beschwerten. Warum interpretieren das die Rabbiner als etwas völlig anderes als die einfache Lesart des Verses (Peschuto schel Mikra)?

 

In seinem Buch "Emet LeJa'akov", zeigt Rabbi Kaminetsky oftmals im Chumasch (Fünf Bücher Moses) ähnliche Phänomene auf, wo Chasal (unsere Weisen) eine weitaus unheilvollere Interpretation zu Tage fördern, als es der vordergründig "unschuldige" Wortlaut in den Versen vermuten lassen würde. Ein weiteres Beispiel ist im kommenden Wochenabschnitt, wo Mosche die Spione beauftragt, "geheimdienstliche" Informationen über die Völker von Kena‘an herauszufinden. Als die Spione zurückkehren und berichten, dass das Volk dort „chasak hu mimenu - stärker als wir" sei, behauptet der Sohar (der auch von vielen Kommentatoren zitiert wird), dass die Spione etwas im Schilde führten. Sie befürchteten, dass sie beim Eintritt in das Land Israel ihre Führungspositionen und ihr Ansehen verlieren würden. Aus diesem Grund sabotierten sie unterbewusst die Pläne, das Volk nach Erez Jisrael zu führen, damit sie ihre Führungsposition nicht verlieren würden. Auch hier fragt Raw Ja‘akov: Wie kommen Chasal darauf?

 

Noch ein Beispiel: Bei der Entscheidung Lots, sich in Sedom anzusiedeln - nach seinem Bruch mit Awraham, würde die einfache Lesart der Verse darauf hindeuten, dass die Entscheidung auf die äusserst praktischen Gründe zurückzuführen war, dass Lot ein Schafhirte war und das Land, das Sedom umgab, fruchtbar und ergiebig war. Auch hier werden Lot von Chasal düstere Motive zugeschrieben: Er wählte die spezifische Umgebung aufgrund ihres Rufes für Wollust und Unsittlichkeit. Sedom war "Sin City - die Stadt der Sünden" jener Zeit - und gemäss der Weisen (scheinbar ohne Beleg aus dem biblischen Text), war dies der Grund, weshalb Lot nach Sedom ging. Dieselbe Frage kann auch hier gestellt werden: Warum können wir Lots Pläne nicht für bare Münze nehmen - also einfach sagen, dass er nach Sedom gehen wollte, weil das Land fruchtbar war?

 

Raw Ja‘akov antwortet: Chasal tun dies, weil sie in die Tiefe der menschlichen Psyche eindringen. Sie sagen uns etwas sehr profundes über die menschliche Natur. Jeder hat unterbewusste Gefühle, Mächte und Verlangen, derer sich sogar die Person selbst eventuell nicht bewusst ist. Etwas spielt sich im Menschen ab, das darüber hinausgeht, was das Auge sieht. Chasal wissen - entweder durch "Ruach HaKodesch" (prophetischen Geist) oder ihre sensible Intuition, wie menschliche Wesen funktionieren - dass sich etwas Tieferes ereignet. Wenn sich Menschen an ihren Türschwellen versammeln und laut aufschreien, sodass es jeder hören kann, dann schreien sie nicht nur wegen der Zwiebeln! Menschen weinen nicht über Zwiebeln. Sie weinen über etwas anderes.

 

Gleichermassen gab es andere ansprechende Orte in Erez Jisrael. Als Lot ausgerechnet Sedom auswählte, warum tat er das? Es ist - ob er es gemerkt hat oder nicht - weil es unterbewusste Motivationen in ihm gab. Dies geschieht bei jedem Menschen. Ein Mensch muss immer in sich gehen und seine Motive überprüfen.

Wenn Menschen zu Psychologen oder Psychiatern gehen und ihnen ihre Probleme erzählen - wenn der Fachmann scharfsinnig ist und die menschliche Natur versteht, dann erkennt er, dass was die Person sagt, NICHT das ist, was sie meint. Dies sind die Worte, die er sagt - aber es gibt noch etwas anderes, was tatsächlich in seinen Gedanken vorgeht. Ein weiser Mensch oder ein trainierter Fachmann wird in der Lage sein, zu erkennen, was sich tief in den Gedanken eines Menschen tatsächlich abspielt.

 

Das ist der Grund, weshalb Chasal die Vorgehensweise bei der Erklärung des narrativen (erzählenden) Chumasch stetig wiederholen. Woher wissen sie das? Sie wissen es, weil sie Menschenkenntnis haben. Sie versuchen uns zu sagen, dass es jedem von uns passiert. Wir alle haben versteckte Pläne und unterbewusste Motive. Wir haben, was man als "Negiot" (persönliche Befangenheit) bezeichnet. Wir kennen und verstehen uns selbst nicht völlig, weil wir so subjektiv hinsichtlich der Entscheidungen sind, die uns betreffen.

Wie können wir uns selbst vor diesen "toten Winkeln" schützen? Wie wir bereits bei anderen Gelegenheiten gesagt haben, ist der Ratgeber, dem wir folgen müssen, derjenige der Mischna im Traktat Awot (Sprüche der Väter) [1:6]: Mache dir selbst einen Raw [Mentor] und akquiriere dir einen Chawer [engen Freund]. Wir müssen unsere Taten und Motive von unseren Mitmenschen oder Lehrern überprüfen lassen, die "es uns sagen, wie es ist"! Ohne solchen Rat und solche Führung, können wir nicht funktionieren.

 

Ein Mensch, der sagt: "Ich weiss, dass ich 'nagua' [befangen] bin, aber…", wird diesen Satz mit einer Aussage abschliessen, die er vollkommen ignorieren sollte. Wenn jemand 'nagua' ist, dann ist er dazu disqualifiziert, über die Angelegenheit zu richten - Punkt! Wer wird also für ihn paskenen (richten)? Deshalb ist es so wichtig, dass jeder einen Raw, Rebbe oder einen älteren Ratgeber haben sollte, um ihm in solchen Angelegenheiten, die ihn selbst betreffen, den Weg zu weisen, bei denen er selbst disqualifiziert ist, sich eine objektive Meinung zu bilden. Aus diesem Grund rät Pirkej Awot (Sprüche der Väter), einen Freund koneh zu sein (wörtlich: "zu kaufen"). Man muss diese Investition tätigen, was auch immer sie erfordert, um die Fähigkeit zu einer ehrlichen Begutachtung seiner Taten sicherzustellen.

 

Heutzutage sind Beziehungen oberflächlich. Ein Chawer (Freund) ist nicht einfach jemand, dem man "Guten Tag" sagt und mit dem man ein bisschen plaudert. Ein Chawer ist jemand, zu dem man sich öffnen und dem man vertrauen kann. Es ist jemand, dem man Dinge über sich selbst sagen kann, "wie sie sind" - und dem man diesen Gefallen erwidert. Jeder braucht das. Der Grund, weshalb Chasal so viel Zeit dafür aufbringen, dies über den gesamten Chumasch hin aufzuzeigen, besteht darin, dass sie versuchen, es in unsere Köpfe "einzuhämmern": Du kannst dir selbst nicht vertrauen.

 

Einen Rebben und einen Chawer zu haben, ist eines der wertvollsten Güter im Leben. Die Mischna, die uns rät, "Mache dir einen Raw und akquiriere dir einen Chawer", schliesst deshalb mit den Worten ab: "…und beurteile jeden Menschen mit Fürsprache [leKaf Sechut]." Unweigerlich wird der Raw oder Chawer einen auch enttäuschen. Wir werden böse auf ihn sein, dass er nicht zu einer Simcha (Feier) erschienen ist oder uns nicht so viel Zeit gewidmet hat, wie wir es erwartet hatten. Es ist leicht, unter solchen Voraussetzungen abschätzig zu sein: "Das ist kein Raw, das ist kein Freund." Die Mischna ermahnt uns: "Hewej dan et kol haAdam leKaf Sechut" - sei mit diesem Menschen nachsichtig, beurteile ihn mit Fürsprache! Distanziere dich nicht wegen solch fadenscheiniger Gründe. Solche Beziehungen sind einfach zu wichtig, um sie so leichtfertig abzubrechen! Selbst wenn es bedeutet, eine "Rolle rückwärts" zu machen und verrückte Erklärungen für diesen Menschen aufzubringen - tue es. Es ist es wert, die Beziehung zu einem Raw oder Chawer aufrechtzuerhalten.

 

 

 

(c) Project Genesis und Verein Lema´an Achai / Jüfo-Zentrum und learn@torah.org, sowie http ; //www.torah.org


Freitag, 09 Juni 2017






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