Was Raqqa über die Opferzahlen im Gazastreifen sagt

Was Raqqa über die Opferzahlen im Gazastreifen sagt


Jetzt, wo die Schlacht zur Vertreibung des Islamischen Staats (ISIS) aus seiner syrischen Hauptstadt Raqqa vorbei ist, beginnen Reporter die Verwüstung zu erkunden, die die Kämpfe hinterlassen haben.

Was Raqqa über die Opferzahlen im Gazastreifen sagt

von Evelyn Gordon, 28. Oktober 2017 (Commentary Magazine)

 

Die bisher aufgekommenen Informationen werfen ein interessantes Licht auf den Krieg der Hamas mit Israel im Sommer 2014. Insbesondere widerlegen sie komplett die Anschuldigungen der UNO und eines Großteils der westlichen Welt, Israel habe „himmelschreiende“ und „überzogen viele“ palästinensische Opfer verursacht.

Das ist zugegebenermaßen auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Nach Angaben des Syrian Observatory for Humen Rights wurden in Raqqa im Verlauf einer vier Monate dauernden Schlacht mehr als 3.000 Menschen getötet, darunter mehr als 1.130 Zivilsten. Im Gazastreifen wurden nach Angaben der UNO im Verlauf von nur 50 Tagen 2.251 Palästinenser getötet, darunter 1.462 Zivilisten. Und während des gute Gründe gibt zu glauben, dass die Zivilistenrate der UNO-Zählung wüst aufgeblasen ist (das tatsächliche Verhältnis von zivilen zu militärischen Opfern liegt vermutlich bei 1 : 1 oder noch niedriger), setzt selbst Israel die komplette Opferzahl mit 2.125 Menschen an, die sich aus 936 Kombattanten, 761 Zivilisten und 428 nicht Identifzierten an. Das ist nicht annähernd so weit unter Raqqas Zahlen wie die relative Dauer der beiden Konflikte zu erwarten lassen würde.

Aber diese simplifizierende Schlussfolgerung ignoriert zwei entscheidende Faktoren : Der erste besteht darin, dass ein Vergleich der Rohzahlen bedeutungslos ist; der relevante Vergleich besteht in Opfern als Anteil der Bevölkerung. Und nach diesem Maß hat die Opferrate in Raqqa die von Gaza um volle 100 zu 1 übertroffen. Hier die Berechnung :

 

Nach Angaben eines in der letzten Woche von der New York Timesveröffentlichten Berichts hatte Raqqa eine Bevölkerung von 300.000, als ISIS die Stadt übernahm. Aber nachdem die Organisation 2014 eine brutale Terrorherrschaft verhängte, flohen „zehntausende“ Menschen, also lag die Bevölkerungszahl weit niedriger als die Schlacht zur Vertreibung von ISIS begann. Weitere Menschen flohen, sobald die Schlacht begann. Folglich „verblieben in den letzten Tagen der Herrschaft der Gruppe nur etwa 25.000 Einwohner“. Im Vergleich dazu zählte die Bevölkerung des Gazastreifens rund 1,79 Millionen (nach Angaben der offiziellen palästinensischen Statistiken).

Mit anderen Worten : Diese 3.000 Opfer in Raqqa machen ein Prozent der Bevölkerung der Stadt vor der Zeit von ISIS aus, aber satte 12 Prozent seiner Bevölkerung Anfang September. Die Opfer in Gaza machten im Gegensatz dazu rund 0,12 Prozent der Bevölkerung dieses Territoriums aus. Damit lagen die Opfer in Raqqa im Verhältnis zur Bevölkerungszahl irgendwo zwischen 10-mal und 100-mal höher als die im Gazastreifen und fast mit Sicherheit viel näher an der höheren Zahl. Das ist ein astronomischer Unterschied.

 

Darüber hinaus ist der wahre Unterschied wahrscheinlich noch größer, infolge des zweiten kritischen Faktors : dem Effekt des umfangreicheren Sachschadens in Raqqa.

 

In einem Artikel aus dem letzten Jahr, der den Sachschaden im Gaza-Krieg mit dem Sachschaden im Kampf um die Vertreibung von ISIS aus der irakischen Stadt Ramadi verglich, stellte ich fest, dass rund sechs Prozent der Gebäude im Gazastreifen zerstört oder stark beschädigt wurden; im Vergleich waren es in Ramadi rund 50 Prozent (die genaue Berechnung findet sich hier). Die Schäden in Raqqa werden noch untersucht, aber sie werden sich wahrscheinlich als denen in Ramadi ähnlich erweisen. Letzte Woche schriebIvor Prickett von der New York Times dazu : „Als ich das östliche Raqqa besuchte, waren kaum eine Straße oder ein Gebäude zu finden, die nicht durch die Kämpfe beschädigt worden waren.“

 

Das Ergebnis, so stellte Prickett fest, war, dass über die bekannten 3.000 in Raqqa Getöteten hinaus „viele weitere vermisst werden“. Und viele der Vermissten starben wahrscheinlich und wurden unter dem Schutt begraben. Sie werden erst in Monaten gefunden werden, wenn überhaupt, geht man nach der Erfahrung der irakischen Stadt Mossul. Dort werden, wie die New York Times berichtete, mehr als zwei Monate nach der Befreiung der Stadt von ISIS immer noch Leichen aus dem Schutt geborgen; es wird viele weitere Monate dauern sie alle zu finden und einige werden wohl nie gefunden werden.

 

Fakt ist, wie die Times es formulierte, dass viele Tausende, die in Mossul „bei den Kämpfen gestorben sein dürften, ungezählt unter dem Schutt liegen“, was bedeutet, dass man die wahre Zahl der Todesopfer niemals erfahren wird. Dasselbe gilt für Raqqa. Aber in beiden Städten bedeutet die große Anzahl an unter zerstörten Gebäuden liegenden Leichen, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer mit Gewissheit weit höher liegt als in den ersten Berichten.

 

Im Gazastreifen wurden aber genau wegen der weit weniger umfangreichen Gebäudeschäden alle Toten schnell gefunden und es konnte fast sofort eine Gesamtzahl verkündet werden. Die endgültigen Opferzahlen im Gazastreifen werden mit sehr partiellen und vorläufigen Zählungen an Orten wie Raqqa und Mossul verglichen, was den Gaza-Konflikt im Vergleich weit blutiger aussehen lässt als er in Wirklichkeit war.

 

ISIS und Hamas verwenden praktisch identische Taktiken, weshalb den Gazastreifen mit Raqqa oder Mossul zu vergleichen Sinn macht. Beide graben ausgedehnte Tunnelsysteme unter zivilen Gebäuden, versehen zivile Gebäude mit Sprengfallen, horten Waffen in zivilen Gebäuden und kämpfen aus Stellungen mitten unter der Zivilbevölkerung heraus. Diese Taktiken vermehren sowohl den Sachschaden als auch die Zahl der zivilen Opfer enorm, ob nun im Gazastreifen, in Syrien oder im Irak.

 

Doch trotz vergleichbarer Taktiken des Feindes erzeugte Israel anteilig erheblich weniger Opfer unter der Bevölkerung des Gazastreifens und anteilig weit weniger Sachschaden an Gazas Gebäuden als die westliche Koalition beim Kampf gegen ISIS in Syrien und dem Irak. Mit anderen Worten : Genau die westlichen Länder, die Israel „unverhältnismäßigen“ und „übertriebenen“ Schadens im Gazastreifen bezichtigen, waren an weit größerem Schadens in Syrien und dem Irak schuldig.

 

Wenn sie also wirklich die Anschuldigungen glauben, die sie Israel entgegenschleudern, dann sollten westliche Führungspolitiker – angefangen mit dem früheren US-Präsidenten Barack Obama und Außenminister John Kerry – sich selbst als Kriegsverbrecher stellen. Und wenn ihnen diese Option nicht gefällt, dann ist es für sie längst höchste Zeit endlich zuzugeben, dass das, was sie in Syrien und dem Irak einräumen gleichermaßen auf den Gazastreifen zutrifft : Es ist einfach nicht möglich Terrororganisationen zu bekämpfen, die die von ISIS und Hamas genutzten Taktiken einsetzen, ohne auch Zivilsten Schaden zuzufügen.

 

Es ist auch höchste Zeit, dass sie zugeben, was eine Gruppe ranghoher westlicher Militärexperten in einem umfassenden Bericht zum Gaza-Krieg schlussfolgerte : dass Israels Erfolg bei der Minimierung zivilen Schadens angesichts dieser Schwierigkeiten dem eines jeden westlichen Landes gleichkam oder übertraf. Wenn noch ein Beweis gebraucht würde, dann würde dieser 100 : 1-Unterschied bei den Opferraten zwischen Raqqa und Gaza ihn bieten.

 

 

Übersetzt von Heplev 


Donnerstag, 09 November 2017






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