Die NS-Zeit in der sächsischen Provinz

Die NS-Zeit in der sächsischen Provinz


Jürgen Nitsches lokalgeschichtliche Studien zum Holocaust ♦

Von Chaim Noll

 

Schoah, Holocaust oder „Massenvernichtung der europäischen Juden“ sind Begriffe, die mit der Zeit ihren realen Gehalt einbüßen. Sie werden zu Worthülsen im politischen Diskurs. Die allgemeine Kenntnis über das, was geschehen ist, geht zurück, Jüngere haben oft nur noch verschwommene, stereotype Vorstellungen davon, eben das, was Begriffe vermitteln können. Nachvollziehbar werden die Ereignisse erst, wenn wir aus den abgehobenen Gefilden der Verallgemeinerung hinabsteigen in die profanen Abläufe des Alltags.

 

Der Historiker Jürgen Nitsche beschäftigt sich mit Lokalgeschichte. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte der Juden in Sachsen. 2002 veröffentlichte er eine umfangreiche Studie über die Juden der Stadt Chemnitz mit der Rekonstruktion zahlreicher Einzel-Biographien, besonders während der NS-Zeit. Auch ich verdanke ihm wichtige Aufschlüsse über das Schicksal meiner Chemnitzer Großmutter, die mir bis dahin unbekannt waren. Sie halfen mir nicht nur die Tragödie meiner Familie, auch die gesamte NS-Zeit besser zu begreifen. Hinter jeder von Jürgen Nitsches Veröffentlichung stehen Jahre intensiver Forschung in örtlichen Archiven und Behörden, die Sichtung von Grundbuch-Einträgen, Kaufverträgen, Geburts- und Ehe-Urkunden, Totenscheinen, Gemeinde-Registern, Gestapo- und Polizei-Akten, Gerichtsurteilen, städtischen Chroniken, Artikeln aus Lokal-Zeitungen, Annoncen in ihrem Anzeigenteil.

 

 

Foto: Trügerische Idylle in Görlitz - Gemälde "Der Teich", 1937 (Foto: Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons)


Dienstag, 10 April 2018