Kommentar von Dr. Nathan Warszawski: Der Staat der Palästinenser

Kommentar von Dr. Nathan Warszawski:

Der Staat der Palästinenser




Die Herrscher im östlichen Teil West-Palästinas, früher Cisjordanien, verlangen von der Welt (UNO), dass sie als Staat anerkannt werden. Israel und seine wenigen Verbündeten versuchen, die Anerkennung zu verhindern. Die historischen Ansprüche beider Seiten sind unabhängig ihres Wahrheitsgehaltes Allgemeingut. Folgt aus der Formulierung eines Anspruches seine Erfüllung? Hat ein Volk einen moralischen Anspruch auf Eigenstaatlichkeit?

Derzeit gibt es weltweit etwa 200 Staaten in verschiedenen Graden der allgemeinen weltweiten Anerkennung. Die Anzahl der Völker ist definitionsabhängig und kann nur grob geschätzt werden. In Deutschland sind fünf, eigentlich sechs Völker anerkannt (Deutsche, Dänen, Friesen, Sorben, Sinti und Roma), in Polen 14, in China 70, in Russland 100. Wie viele Indianervölker es wohl gibt? Wie viele Völker leben in Indien und in Australien?

Die Zahl der Völker übersteigt die Anzahl der Staaten um das hundertfache, eher mehr. Ein Dutzend weltweit anerkannter Staaten zählt weniger als 100.000 Einwohner. 50 Millionen Kurden kennen keinen eigenen Staat.

Fazit:

Höchstens jedes einhundertste Volk verfügt über einen eigenen Staat, einen Staat für sich. Ein moralischer Anspruch eines Volkes auf einen eigenen Staat ist nicht auffindbar. Die Größe des Volkes ist kein schlagendes und moralisches Argument.

Bevor ich mich zum zukünftigen Staat der Palästinenser zuwende, beschreibe ich kurz die Geschichte des Nahen Ostens der letzten 100 Jahre.

Bis zum Ende des I. Weltkrieges herrschte das Osmanische Imperium, der Rechtsvorgänger der Türkei, über den Nahen Osten. Das Gebiet des heutigen Iraks, Syriens, Libanons, Israels, Jordaniens und teilweise Saudi-Arabiens waren osmanische Kolonien, die hauptsächlich von Arabern, vielen Kurden und wenigen Juden bewohnt waren. Die Araber identifizierten sich untereinander über ihre Stammeszugehörigkeit, auch über ihre Religion. Ein Nationalbewusstsein entstand nach der Vertreibung der türkischen Herrscher.

Großbritannien und Frankreich wurden die Schutzmächte im Nahen Osten. Ländergrenzen und Herrscher, meist Könige, wurden von den Europäern willkürlich bestimmt. Arabische Stämme, die sich seit Jahrhunderten bekriegten, wurden in einem Staat gepresst (Libanon, Syrien), andere Stämme auf verschiedenen Staaten zerteilt (Syrien, Palästina/Israel). Palästina, welches sich zunächst auf beiden Seiten des Jordan-Flusses erstreckte, wurde 1922 in ein östliches Transjordanien und ein westliches Palästina geteilt. Im Ostteil lebten Beduinen und syrisch-palästinensische Araber, im Westteil syrische, palästinensische Araber und Juden. In Transjordanien übernahm die Minorität der Beduinen unter ihrem königlichen Herrscher aus der arabischen Wüste die Macht über die palästinensische Mehrheit, die sie bis heute innehat. Nach der Teilung West-Palästinas 1949 bevölkerten Juden, palästinensische Araber und Beduinen relativ und absolut friedlich das Land Israel. Der Gazastreifen am Mittelmeer stand unter ägyptischer Besatzung und Verwaltung, Judea und Samaria (Cisjordanien) wurden vom Königreich Transjordanien annektiert, welches sich von da an „Jordanien“ nennen durfte. Juden waren sowohl aus dem Gazastreifen, als auch aus Cisjordanien vertrieben worden. Die arabisch-palästinensischen Einwohner Jordaniens erhielten in der Regel die jordanische Staatsbürgerschaft, die arabischen Einwohner Gazas blieben staatenlos.

Die Identität als arabisch-palästinensisches Volk begann 1967 mit der Eroberung des arabischen Teils West-Palästinas (Gazastreifen, Judea + Samaria = Westbank = Cisjordanien) durch Israel. Ausgenommen von der Staatsidentifikation waren die israelischen Araber. Mit der Zeit bröckelte der Zusammenhalt der palästinensischen Araber im israelischen Machtbereich. Heute herrscht in Gaza die Hamas, die Europa als terroristische Vereinigung betrachtet, in der Westbank regiert die PLO des verstorbenen Arafats, die zuweilen zum Terrorismus neigt.

 

Zurück zum Staat der Palästinenser. Analysiert wird lediglich die arabische Seite:

Welche Vorteile erfahren palästinensische Araber durch die Eigenstaatlichkeit?

Folgende Fakten sollten beachtet werden:

 

1. Palästinensische Araber der Westbank werden von Israel in ihren Rechten eingeschränkt.

2. Israel hat vor Jahren seine Truppen aus dem Gazastreifen abgezogen. Seitdem leben palästinensische Araber im Gazastreifen unter der islamistischen Herrschaft der Hamas. Es gibt dort keinen einzigen Juden mehr.

3. Palästinensische Araber in Jordanien, die 75% der dortigen Bevölkerung darstellen, sind jordanische Staatsbürger minderen Rechts. Die Staatsgewalt obliegt den Beduinen. Es gibt dort keinen einzigen Juden mehr.

4. Palästinensische Araber in arabischen Staaten sind rechtlose Flüchtlinge.

5. Palästinensische Araber, deren Vorfahren 1948/1949 aus dem heutigen Israel geflohen sind, leben in der Westbank und im Gazastreifen in Flüchtlingslagern.

6. Palästinensische Araber, deren Vorfahren 1948/1949 aus dem heutigen Israel geflohen sind, werden keine Staatsbürger eines zukünftigen Staates Palästina sein.

7. Palästinensische Araber, deren Vorfahren 1948/1949 aus dem heutigen Israel geflohen sind, erhalten kein Rückkehrrecht in das zukünftige Palästina.

8. Palästinensische Araber, deren Vorfahren 1948/1949 aus dem heutigen Israel geflohen sind, sollen nach palästinensischem Verständnis ein Rückkehrrecht nach Israel erhalten.

 

Vor allem Deutsche können leicht nachvollziehen, wenn palästinensische Araber nicht von Fremden drangsaliert und kommandiert werden wollen. Palästinensische Araber wollen lieber in einer eigenen Diktatur als in einer fremden Demokratie leben. Schließlich hat sich in einer freien Volksabstimmung die Mehrheit der Saarländischen Deutschen 1935 zu Hitler bekannt.

Im ehemaligen Ostteil Palästinas, dem heutigen Jordanien, leben drei Mal mehr rechtlose und politisch unterprivilegierte Palästinenser als Beduinen. Die Palästinenser Jordaniens haben sich bisher nicht zu einer Eigenstaatlichkeit im ehemaligen Ostteil Palästinas bekannt.

Der neue palästinensische Staat basiert auf die Waffenstillstandslinien von 1949, die in den Sechs-Tage-Krieg von 1967 mündeten und in Israel realistisch-sarkastisch als „Auschwitzgrenzen“ bezeichnet werden.

Das neue Palästina will Israel nicht als Jüdischen Staat anerkennen. Ein Jüdischer Staat könnte den muslimischen Palästinensern zu Recht das Rückkehrrecht ins Jüdische Israel absprechen.

Die arabisch-palästinensischen Flüchtlinge haben den Führern der Palästinenser das Interesse der Welt und das Überleben garantiert. Mit der Ausrufung eines eigenständigen arabischen Palästinas werden die arabisch-palästinensischen Flüchtlinge ihr Rückkehrrecht einfordern, welches ihnen von den UNO-Palästinensern verwehrt werden wird. Die arabisch-palästinensischen Flüchtlinge werden sich nicht auf weitere 60 Jahre in Flüchtlingslagern vertrösten lassen. Der Zorn des arabischen Frühlings richtet sich gegen die eigenen unfähigen und korrupten Araber. Hassparolen gegen Israel und Juden werden die arabisch-palästinensischen Flüchtlinge nicht von ihren eigenen Interessen ablenken.

 

Fazit:

Die einseitige Ausrufung eines arabischen palästinensischen Staates verbaut den arabisch-palästinensischen Flüchtlingen die Rückkehr nach Palästina, wo auch immer es liegen mag. Die arabisch-palästinensischen Flüchtlinge sind die Mehrheit des palästinensischen Volkes.

 

PS:

Eine unbedeutende Gruppe von palästinensischen Flüchtlingen vergaß ich zu erwähnen. Es sind die Flüchtlinge, die der Unterdrückung im neuen Staat Palästina entrinnen wollen.

 

Dr. Nathan Warszawski ist der jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Aachen.

 

Dr. Nathan Warszawski bei haOlam.de:

 


Sonntag, 25 September 2011