Polen, Holocaust-Verdrehung und das neue Gesetz

Polen, Holocaust-Verdrehung und das neue Gesetz


Das unlngst verabschiedete Gesetz zur Rolle Polens im Holocaust und den damit zusammenhngenden Themen sind komplex. Polen sind Jahrzehnte lang zurecht wegen der Bezeichnung polnische Todeslager vor den Kopf gestoen gewesen. Dieser Begriff wurde von ehemaligen Nazis im deutschen Geheimdienst etwa 10 Jahre nach dem Krieg geprgt.[1] Fakt ist, dass Todeslager wie Belzec, Treblinka, Sobibor und Auschwitz-Birkenau von den deutschen Besatzern auf polnischem Boden errichtet und betrieben wurden.

von Dr. Manfred Gerstenfeld

 

Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts lautete die geläufige historische Darstellung zu Polen während des Zweiten Weltkriegs, dass etwa drei Millionen nichtjüdische Polen und drei Millionen polnische Juden von den Deutschen ermordet wurden. Mehrere Polen halfen Juden zu verstecken. Der polnische Widerstand lieferte den jüdischen Kämpfern im Warschauer Ghetto Waffen.

 

Der vielleicht berühmteste Pole, der Juden half, war der außergewöhnlich mutige Jan Karski. Ende 1942 wurde er ins Warschauer Ghetto und wieder hinaus geschmuggelt, ebenso in ein Transitlager und wieder hinaus, wo er die Schrecken sah, die die Juden erlitten. Karski schaffte es hinterher nach London zu reisen, wo er der polnischen Exilregierung und ranghohen britischen Behördenvertretern, darunter Außenminister Anthony Eden, einen Bericht ablieferte. Im Juli 1943 traf Karski den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, um ihm dieselben Daten und einen Appel zu handeln übergeben.[2] Seine Mission brachte keine Ergebnisse.

 

Der Historiker David Bankier wies darauf hin, dass „die meisten polnischen Untergrundorganisationen glaubten, das Polen nach Hitler werde ein Land ohne Juden sein… Die Übriggebliebenen würden Polen nach dem Krieg verlassen müssen. Diese Ansicht wurde sogar in der Oragnisation Zegota vertreten, dem vom polnischen Widerstand gegründeten Rat für die Hilfe für Juden. Dazu gehörten Menschen, die ihr eigenes Leben riskierten, am auffälligsten die tiefgläubige Katholikin, berühmte Schriftstellerin und Mitgründerin der Zegota Zofia Kossak-Szczucka. Sie glaubte, dass Polen kein Land war, in dem Juden leben sollten; das lässt sehr stark erkennen, wie die wahren polnischen Gefühle damals aussahen.“[3]

 

Bankier fuhr fort: „In einem im August 1943 geschriebenen Artikel mit dem Titel ‚Wem helfen wir?‘ fasste Kossask-Szczucka ihre Gedanken zu polnischen Nachkriegshaltungen gegenüber den Juden zusammen: ‚Heute sehen sich die Juden der Auslöschung gegenüber. Sie sind die Opfer ungerechter mörderischer Verfolgung. Ich muss sie retten. ‚Tu andren, was du möchtest, dass sie dir tun.‘ Dieses Gebot verlangt, dass ich alle mit zur Verfügung stehenden Mittel einsetze um andere zu retten, genau die Mittel, die ich für meine eigene Rettung nutzen würde.

 

Sicher wird die Lage nach dem Krieg anders sein. Für die Juden und mich werden dieselben Gesetze gelten. An diesem Punkt werde ich den Juden sagen: ‚Ich habe euch gerettet, euch Unterschlupf gewährt, als ihr verfolgt wurdet. Um euch am Leben zu erhalten, riskierte ich mein Leben und das derer, die mir nahe standen. Jetzt droht euch nichts mehr. Ihr habt eure eigenen Freunde und auf manche Weise geht es euch besser als mir. Jetzt fordere ich, dass ihr geht und euch woanders niederlasst. Ich wünsche euch Glück und werde euch liebend gerne helfen. Ich werde euch nichts zuleide tun, aber in meinem Heim will ich alleine leben. Ich habe das Recht dazu.‘“[4]

 

Am Anfang dieses Jahrhunderts wurden weitere Fakten entdeckt, die zu radikal neuen Sichtweisen über die polnische Holocaust-Geschichte führten. Jan Gross, amerikanischer Historiker polnischer Abstammung, schrieb das Buch Neighbors (Nachbarn). Darin wird die Geschichte der polnischen Einwohner von Jedwabne erzählt, die fast alle örtlichen Juden ohne jegliche deutsche Einmischung ermordeten.[5] Zwei Dokumentationen zum Massenmord von Jedwabne wurden von Agnieszka Arnold erstellt.[6]

 

Die Offenbarungen zu den Morden in Jedwabne sorgten in Polen für große Erschütterung. Das Selbstbild des Landes wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen. Es gab auch solche, die die mörderischen Fakten weiterhin leugnen und reinwaschen wollten.[7]

 

Die Lage veränderte sich drastisch, als der kanadische Historiker polnischer Herkunft Jan Grabowski 2013 sein Buch Hunt for the Jews: Betrayal and Murder in German-Occupied Poland (Die Jagd nach den Juden: Verrat und Mord im deutsch besetzten Polen) veröffentlichte.[8] Grabowski und seine Rechercheure dokumentierten die Richtigkeit früherer Schätzungen. Ihre Forschungsarbeiten zeigten, dass etwa 200.000 Juden von Polen ermordet wurden.[9] Das machte aus Polen eines der größten Holocaust-Täterländer.

 

Das neue Gesetz, vom polnischen Parlament verabschiedet und von Präsident Andrzej Duda unterschrieben, hat zwei Teile. Der erste verbietet die Formulierung „polnische Todeslager“. Der zweite macht es zu Verbrechen zu behaupten die polnische Nation sei im Holocaust oder einer anderen von Nazideutschland begangenen Gräueltat mitschuldig. Jetzt wurde verkündet, dass das Gesetz nicht umgesetzt wird, bevor Polens Verfassungstribunal es überprüft hat.[10]

 

Polens Bildungsministerin Anna Zalewska suggerierte 2016, dass die Morde von Jedwabne durch Polen eher Meinung als Tatsache waren. Das ist ein typischer Fall von bedeutender Holocaust-Leugnung[11]

 

Die Dinge wurden noch verschlimmert, als das Gesetz verabschiedet war. Auf der unlängst beendeten Münchener Sicherheitskonferenz konfrontierte der israelische Journalist Ronen Bergman, Sohn zweier Holocaust-Überlebender, den polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki; er sagte: „Es gab Polen, die Juden verrieten, indem sie die Nazis mit Einzelheiten zu ihnen versorgten.“ Er verwies auf persönliche Erfahrungen seiner Mutter.

Der polnische Minister antwortete: „Ihr werdet nicht als Kriminelle betrachtet, wenn ihr sagt, dass es polnische Täter gab, so wie es jüdische Täter gab, wie es russische Täter gab und wie es ukrainische Täter gab – nicht nur deutsche Täter.“ Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu antwortete: „Die Äußerungen des polnischen Premierministers hier in München waren ungeheuerlich. Es gibt hier ein Problem der Unfähigkeit Geschichte zu begreifen sowie fehlende Sensibilität für die Tragödie unseres Volks.“[12]

 

Die verfälschenden Manipulationen des Holocaust durch Polen haben zu Spannungen zwischen der polnischen und israelischen Regierung geführt. Der Versuch einer polnischen Delegation zu Besuch in Israel, um diese Spannungen zu entschärfen, schlug fehl. Sie haben zudem eine Menge Schmerz bei polnischen Juden verursacht. Dreiundzwanzig jüdische Gruppen unterschrieben einen Brief, in dem es hieß, dass sie sich in Polen nicht sicher fühlen.[13] Israelische und polnische Interaktionen haben viele Aspekte. Israels Botschafter in Warschau zurückzurufen, ganz zu schweigen vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Polen wären keine guten Schachzüge.

 

Das Simon Wiesenthal Center hat vor kurzem bekannt gegeben, dass ein von US-Außenministerium freigegebener Bericht aus dem Jahr 1946 die verabscheuungswürdige Behandlung der polnischen Juden vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentierte. Der Bericht stellte den Umgang der Polen und der Nazis mit der jüdischen Bevölkerung auf eine Stufe und sagte, viele Juden hätten es nach dem Krieg vorgezogen zu fliehen, sogar nach Deutschland.[14]

 

Eine Studie der Universität Bielefeld stellte 2011 fest, dass 63% der Polen der Aussage zustimmen, „was der Staat Israel heute mit den Palästinensern tut, unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was die Nazis den Juden im Dritten Reich antaten.“[15] Dieser Anteil war erheblich höher als in den anderen europäischen Ländern, in denen diese Umfrage durchgeführt wurde.

 

Mit der Leugnung der massiven Rolle polnischer Bürger im Holocaust hat die polnische Regierung sich für starke Kritik anfällig, die auf historischen Fakten gründet. Eine effektive Art damit umzugehen, besteht für jüdische Organisationen darin Internetseiten mit Zeugenaussagen zu den von Polen an Juden begangenen Morden und Fällen, bei denen Polen Juden an Nazis verrieten einzurichten. Zweihunderttausend von Polen ermordete Juden ist eine große Zahl, deshalb kann eine Menge Information eingeholt werden, um die Verfälschungen der polnischen Regierung zu entlarven.

 

Informationen zum weit verbreiteten extremen Vorkriegs-Antisemitismus in Polen hinzuzufügen, ist ein zusätzlicher Ansatz. Der Historiker Laurence Weinbaum schrieb: „1937 beschrieben zwei protestantische Pfarrer aus Nordamerika, selbst kaum philosemitisch, ihre Erschütterung, dass sie in polnischen (katholischen) Kirchen neben Rosenkränzen, Bibeln und anderen religiösen Artikeln auch antisemitische Literatur zum Verkauf sahen, die nicht weniger ekelhaft war als die von Julius Streicher gelieferte; Streicher ist der berüchtigte Verleger des Nazi-Hetzblattes Der Stürmer.“[16]

 

Das ist nur ein Beispiel für das, was fast unbegrenzte Zahl an Zitaten zu polnischem Antisemitismus auf einer Vielzahl an Internetseiten. Es gibt jetzt zwei Alternativen: Entweder gibt die polnische Regierung ihre Verfälschungen der Geschichte des Landes zur Kriegszeit zu oder sie wird regelmäßig als extremer Holocaust-Verzerrer bloßgestellt.

 

 

[1] www.timesofisrael.com/do-the-words-polish-death-camps-defame-poland-and-if-so-whos-to-blame/

[2] http://www.ushmm.org/wlc/en/article.php?ModuleId=10008152

[3] http://www.manfredgerstenfeld.com/polish-war-time-views-on-jews-this-is-not-your-home/

[4] ebenda

[5] https://press.princeton.edu/titles/7018.html

[6] http://www.revolvy.com/main/index.php?s=Agnieszka%20Arnold

[7] http://www.pri.org/stories/2017-03-24/massacre-villages-jews-their-neighbors-wwii-poland-remembered-and-misremembered

[8] www.amazon.com/Hunt-Jews-Betrayal-Murder-German-Occupied-ebook/dp/B00EZNA8XM/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1519034328&sr=1-1&keywords=Jan+Grabowski (Das Buch wurde unter dem Titel „Judenjagd“ ins Polnische übersetzt.)

[9] http://www.timesofisrael.com/complicity-of-poles-in-the-deaths-of-jews-is-highly-underestimated-scholars-say/

[10] http://www.jpost.com/printarticle.aspx?id=543527

[11] http://www.thestar.com/news/world/2016/07/14/polish-education-minister-blasted-for-jewish-massacre-remarks.html

[12] www.reuters.com/article/us-israel-poland/israels-netanyahu-condemns-polish-pm-for-jewish-perpetrators-comment-idUSKCN1G10TE; http://www.jta.org/2018/02/17/news-opinion/world/polish-prime-minister-slammed-for-mentioning-jewish-perpetrators-of-the-holocaust

[13] http://www.jta.org/2018/02/19/news-opinion/world/polish-jewish-groups-say-they-dont-feel-safe-due-to-rise-in-anti-semitism

[14] http://www.jpost.com/Diaspora/1946-US-document-reveals-Poles-treated-Jews-as-badly-as-Germans-did-543940

[15] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[16] http://jcpa.org/article/penitence-and-prejudice-the-roman-catholic-church-and-jedwabne/

 

 

Erstveröffentlicht von Heplev - Dr. Manfred Gerstenfeld war jahrelang Direktor des Jerusalem Centers for Public Affairs (JCPA), er ist Azor des israelischen Nachrichtensenders Arutz Sheva und der Tageszeitung The Jerusalem Post. / Foto: Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz (Foto: By Fabian Börner, zugeschnitten von Agp (File:Auschwitz-Birkenau-Börner.jpg) [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons)


Dienstag, 13 Mrz 2018