Der deutsche Zoll und das Päckchen aus Israel: Sieg der Bürokratie

Der deutsche Zoll und das Päckchen aus Israel:

Sieg der Bürokratie




von Dr. Nathan Warszawski

Vor einigen Tagen erhalte ich eine auf einem zweiseitig beschriebenen Blatt Papier eine nicht unterschriebene Meldung vom Zollamt, das in der Kreishauptstadt residiert. Hierin werde ich aufgefordert, ein Paket aus Israel abzuholen und Zollgebühren zu entrichten. Die Gründe hierfür sind, dass der Absender des Pakets den Wert des Paketinhaltes, nicht wie in Deutschland vorgeschrieben, außen sichtbar am Paket angebracht hat. Um künftige derartige Unannehmlichkeiten zu vermeiden, werde ich aufgefordert, dem Absender mitzuteilen, wie ein ordentliches deutsches Paket auszusehen hat, nämlich eine außen sichtbare am Paket angebrachte deutliche und eindeutige Angabe des Wertinhaltes in einer konvertiblen Währung. Anderenfalls werde ich im Wiederholungsfalle erneut den Weg zum Zoll in der Kreishauptstadt auf mich nehmen müssen mit allen dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten inklusive fehlende Parkplätze. Nach 10 Tagen sind Lagergebühren in Höhe von 50 ¢ vom ersten Tag an pro Tag zu zahlen. Außerdem wird das Packet nach zwei Wochen dem Absender zurückgesandt, wofür ich finanziell aufkommen muss. Dafür entfallen die Zollgebühren.

Wenn die Wertangabe außen am Paket deutlich lesbar angebracht gewesen wäre, könnte der Briefträger mir das Paket nach Hause bringen und sofort die Zollgebühren einstreichen.

Schon nach drei Tagen mache mich auf dem Weg zum Zoll in der Kreishauptstadt. Ich finde vor dem Gebäude einen freien Parkplatz, der wie für mich geschaffen ist, auch wenn deutlich lesbar an der angrenzenden Außenwandteil des Zollgebäudes „Nur für berechtigte Personen“ geschrieben steht. Die Hitze überzeugt mich, den Wagen an seinem gebührenfreien Platz stehen zu lassen.

Trotz der Hitze ist es im Zollamtgebäude angenehm kühl, da viele Bürotüren mit den dazugehörigen Bürofenstern weit offen stehen.

An der Wand am Eingang wird dem Eintretenden mit einfachen Worten erklärt, in welches Zimmer er-sie-es sich begeben muss, um eine bestimmte bürokratische Leistung einzufordern. Trotzdem fragt mich ein netter, nicht überarbeitet wirkende Zollbeamte, der in seinem offenen Büro sitzt, freundlich, ob er mir helfen könne. Ich bejahe freundlich, um den Beamten, der sich freut, einen Bittsteller anzutreffen, nicht zu verärgern und schildere kurz mein Begehr. Er ruft mir eine Zimmernummer zu, die ich bereits kenne, da ich am Eingang die eindringliche Worte verinnerlicht habe. Die zur Zimmernummer dazugehörige geschlossene (sic!) Tür steht dem Zimmer des freundlichen Beamten am nächsten.

Mutig klopfe ich an, öffne die geschlossene Tür und betrete den Raum. Eine freundliche Dame mit Schlappen – die Schuhe stehen unter dem kleinen Schrank rechts der Tür – begrüßt mich artig und blickt mich vom leicht ächzenden Bürostuhl aus fragend an. Ich gebe gehorsam das mir zugesandte, nicht unterschriebene Schreiben und die Rechnung der Bestellung ab und werde aufgefordert, mich an einem Tischchen zu setzen, auf welchem ein Messerchen liegt, welches für das Aufschneiden von Paketen geeignet erscheint. Die freundliche Dame liest konzentriert über mehrere Minuten beide Seiten der nicht unterschriebenen Meldung und die mitgebrachte Rechnung wie einen Krimi und zaubert ein Paket herbei, welches sie auf das Tischchen legt. Sie will wissen, was im Paket drinnen ist, bevor ich es öffne. Ich beantworte die Frage mit „religiöse Artikel“, da ich Pessach-Seder-Utensilien bestellt habe, die ich eigentlich aus den USA erwarte, was ich aber der freundlichen Dame verschweige, um das Gespräch nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Dann will sie wissen, ob der Inhalt des Pakets zum privaten Gebrauch sei, was ich bejahe. Da sie den wahren Preis des Paketinhaltes kennt, fragt sie mich, ob ich bereit bin, einen bestimmten Betrag (17,56 €) zu zahlen, der sich aus dem Wert des Paketinhaltes multipliziert mit einem Zollprozentsatz ergibt. Nachdem ich die Frage bejahe, fordert sie mich auf, das Paket mit dem auf dem Tischchen liegenden Paketmesserchen zu öffnen. Die Eröffnung gestaltet sich mühselig, da das Paketmesserchen ab bestimmten Drücken in seine Scheide zurückschnallt. Außerdem ist das Paket ausgezeichnet gut verklebt. In weniger als 10 Minuten, gelingt es mir, trotz gemeinsamen Widerstandes des Pakets und des Paketmesserchens die mir amtlich gestellte Aufgabe zu erledigen, wozu sich das Tischchen als höchst ungeeignet erweist, da es viel zu klein und instabil ist.

Trotz dieser Heldentat bleiben alle meine Hände und Finger heil. Die freundliche Dame steht halbschräg hinter mir während ich am Tischchen sitzen darf und beobachtet auf das Aufmerksamste jeden Schnitt, jedes Zurückschnallen des Paketmesserchen in seine Scheide und jede Bewegung meiner zwei Hände und meiner zehn Finger. Glücklicherweise sind die festen Teile des Paketinhaltes in Zellophan eingewickelt, sodass sie ohne Auswickeln erkennbar sind. Die freundliche Dame nickt zufrieden und widerholt meine Aussage, dass es sich um religiöse Artikel ad usum proprium (med.lat. zum privaten Gebrauch) handelt.

Die freundliche Dame kehrt zu ihrem Arbeitsplatz zurück, der aus dem leicht ächzenden Bürostuhl und aus einem riesigen Bürotisch besteht, auf dem ein großer, alter Computer steht, der mit einem modernen leisen Drucker verbunden ist. Sie liest erneut und intensiver als zuvor die von mir beigebrachten Unterlagen, was diesmal genau 9 Minuten und 30 Sekunden in Anspruch nimmt. Anschließend öffnet sie eine mir bis dahin unsichtbare Bürotischschublade, greift beherzt und blind herein und holt eine zerschlissene Kladde hervor, die wohl früher gelb gewesen ist und aus kaum hundert eng bedruckten Seiten besteht. Geschickt und schnell findet sie die gesuchte Seite und gibt aus der Kladde in Kombination mit der nicht unterschriebenen Meldung und der mitgebrachten Rechnung die notwendigen Zahlenwerte in den Computer ein, der glücklicherweise schon eingeschaltet gewesen ist.

Trotz eines entspannenden Windzugs steigt die Spannung im Büro ungeheuerlich an. Die freundliche Dame ist total in ihrer Arbeit versunken. Sie bemerkt nicht, wie ich das zerschlissene Paket wieder einräume und es zuzukleben versuche. Die Intensität und Konzentration der Arbeit lässt die Luft im Büro vibrieren. Weitere endlose Minuten vergehen. Vorsichtig krame ich mein kleines Portemonnaie aus der Tasche und entnehme dem Geldbeutel die mir mitgeteilte Summe. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass ich nicht ausreichend Kupfermünzen besitze. Hoffentlich verfügt sie über Wechselgeld!

Die Eingabe in den Computer zieht sich hin. Irgendwann hat die freundliche Dame die Klimax erreicht. Nun kontrolliert sie gewissenhaft die eingegebenen Ziffern und Buchstaben. Dabei studiert sie erneut die nicht unterschriebene Meldung und die von mir beigebrachte Rechnung in Kombination mit der zerschlissenen entgilbten Kladde. Die Zeit bleibt stehen. Die Sekunden werden zu Stunden, die Minuten zu Wochen. Dann drückt die freundliche Dame auf einen Knopf, der Drucker summt leise und spuckt nach kurzer Zeit bis wenigen Minuten sechs einseitig eng bedruckte Seiten aus. Die freundliche Dame überfliegt alle Seiten und findet ihr Werk sehr gut.

Endlich blickt sie auf. Ich springe auf und stürze mich auf sie mit den feuchten Scheinen und Münzen in der Hand und dem festen Vorsatz, ihr das Wechselgeld zu schenken. Doch die freundliche Dame ist fixer. Sie holt von irgendwoher einen blauen Stift, der seinen Lebenshorizont überschritten hat. In gebückter Stellung und mit feuchten Händen unterschreibe ich an vier verschiedenen Stellen mit meinem allzu langen Namen. Ein Papier wird mir überreicht, welches als Rechnung dient und im nächsten Zimmer beglichen werden muss.

Ich biege mich gerade aufrecht, verlasse das Büro der freundlichen Dame, betrete den Flur und klopfe an die Tür des nächsten Zimmers an. Ich warte auf keine Antwort, sondern drücke die Türklinke herunter. Die Tür ist versperrt!! Bevor ich mir eine besonders tückische Selbstmordart ausdenken kann, ertönt aus einem weit hinterem Raum eine Stimme, die fröhlich „Ich komme schon“ ruft.

In nur wenigen Sekunden steht ein freundlicher Herr vor mir, der mit einem dicken Schlüsselbund klimpernd spielt. Geschickt wirft er den Schlüsselbund hoch und packt mit zwei Fingern den brauchbarsten Schlüssel, der die Tür öffnen wird. Der freundliche Herr schießt die Tür auf und lässt sie offen. Ein angenehmer Wind durchzieht das Zimmer von den geöffneten Fenstern zur Tür. Beschwingt setzt der freundlicher Herr sich hinter seinem Bürotisch, der etwas kleiner als der der freundlichen Dame ist, und bietet mir einen der beiden Stühle vor seinem Bürotisch an. Ich zögere nicht lange und entscheide mich für den mittleren. Dann überreiche ich dem freundlichen Beamten die im Nebenzimmer ausgedruckte Rechnung und lege das verschwitzte Geld auf dem Bürotisch.

„Dann beginnen wir eben anders“, spricht der Beamte und schließt mit einem kleinen Schlüssel seines dicken Schlüsselbund eine große, giftgrüne Geldkassette auf, deren Lack abblättert. Er reicht mir einige Kupfermünzen über den Tisch, die ich schnell im kleinen Portemonnaie verstecke. Er steckt das von mir angebotene Geld in diversen Fächern der grünen Kassette und verschließt diese sorgfältig mit dem kleinen Schlüssel, der immer noch am Schloss der überdimensionierten giftgrünen Geldkassette hängt. Dann öffnet er ein unverschlossenes Kästchen, welches ebenfalls auf seinem Schreibtisch Platz gefunden hat. Er holt aus dem nun geöffneten Kästchen ein Stempelchen hervor, taucht es in ein blaues Kisselchen, welches im Kästchen seinen festen Platz inne hat, und drückt das Stempelchen auf eine bestimmte Stelle meiner Rechnung. Der Beamte sieht sein Werk an und findet es gut. Flugs befördert er das Stempelchen ins Kästchen und kramt ein zweites Stempelchen hervor, welches ebenfalls mit der Farbe des Kisselchen intensiv in Berührung kommt. Auch dieses Stempelchen hinterlässt einen besonderen Abdruck auf eine andere bestimmte Stelle meiner Rechnung. Der Beamte sieht sein Werk an und findet es erneut gut. Das Geschehen wiederholt sich zum dritten Mal, nachdem das zweite Stempelchen sein angestammtes Plätzchen im Kästchen wiedergefunden hatte. Nach dem dritten Mal findet der Beamte sein Werk sehr gut.

Nachdem alle Teile erneut ins Kästchen gewandert sind, wird es verschlossen. Der freundliche Beamte zieht einen schönen Kugelschreiber, der wohl sein Privatbesitz und auf dem er stolz ist, aus seiner Hemdtasche und hinterlässt seinem gut und deutlich lesbaren Namen auf meine Rechnung. Als ich den schönen Kugelschreiber ergreifen will, wehrt der freundliche Beamte ab, indem er erklärt, dass meine Unterschrift von Amts wegen nicht verlangt wird.

Ich nehme die Rechnung in die Hände und achte darauf, dass sie nicht allzu sehr mit meinem Schweiß benetzt wird. Ich danke dem freundlichen Beamten mehrere Male, marschiere durch die offene Tür Richtung Büro der freundlichen Dame, dessen Tür dieses Mal sperrangelweit geöffnet ist. Die freundliche Dame erklärt zwei ausländischen Bittstellern, die kaum des Deutschen mächtig sind, einen Tick zu laut etwas, was selbst mir Polyglotten unverständlich bleibt. Ich dränge mich durch die kleine Menschenmenge und vor und wedle mit der bestempelten und unterschriebenen Rechnung. Der Redefluss stockt, die freundliche Dame überprüft kurz in wenigen Sekunden die Rechnung mit den notwendigen drei Stempeln und der Beamtenunterschrift, findet sie sehr gut und nickt mit dem Kopf. Ich stürze mich auf das Tischchen, ergreife das von mir unfachmännisch verschlossene Paket und stürze mich grußlos über den Flur hinaus in den heißen Sommer, wo des Schweiß meiner Hände und Finger blitzschnell verdunstet.

Das Auto steht noch da, wie ich es verlassen habe. Es ist nicht abgeschleppt und kein Strafzettel ziert die Windschutzscheibe. 52 Minuten ist der Wagen falsch und unbewacht gestanden. Doch auch die Ordnungshüter sind Beamte.

Als ich nach Hause fahre, höre ich im Radio, dass 200.000 Asylanträge unbearbeitet von den zuständigen Beamten vor sich her geschoben werden. Gut, dass ich beinahe alleine im Zollamt bedient worden bin.

Nachtrag: Ich habe drei Beamte des höheren Dienstes 50 Minuten beschäftigt und hierfür 17,56 € aufgewandt. Wäre es nicht für die Allgemeinheit billiger, auf Zollgebühren in der Kreishauptstadt zu verzichten?

 

Numeri 24 : 9 - Foto: von me (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) oder CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

 

Dr. Nathan Warszawski bei haOlam.de (Auswahl):


Sonntag, 09 August 2015





Ist mir auch schon mal ähnlich passiert. Unser Sohn hat uns mal aus Israel Nüsse geschickt, weiß auch nicht warum, war halt so. und war gut gemeint. Wert nicht mal zehn Euro. Und natürlich war für die lächerliche Kleinigkeit keine teutsche ordnungsgemäße Zollerklärung außen aufgeklebt. So hat also dann folgerichtig eine Dame, Typ jene mit dem Charme einer Keisssäge, hier angerufen und den ganzen Zirkus der subalternen omnipotenten Zollverwaltung abgezogen. Hätte circa 100 km hinfahren müssen, Zoll zahlen usw. usw. Habe aber dann kurz nachgedacht und selbst dort beim Zoll für München und Umgebung angerufen, nach kompetenten (r) Mitarbeiter/Mitarbeiterin gefragt. Und siehe da, hat sich alles klären lassen, die Zollinspektorin hat sich überzeugt und zwei Tage später waren die paar Gramm Pistazien hier im Haus. Ohne den zuerst angedrohten Zoll-Overkill.

Na dann wissen wir ja warum das Festsetzen der Schlepper in Deutschland ein echtes Problem ist, die Polizisten haben einfach keine Formulare und Stempel um den Verwaltungsvorgang in Bewegung zu setzen.