Aus der jüdischen Geschichte: Als die Iraner nach Jerusalem kamen

Aus der jüdischen Geschichte:

Als die Iraner nach Jerusalem kamen




Die erste Welle jüdischer Einwanderer kam 1886 an. Ohne einen Pfennig und fromm, bauten sie für sich Blechhütten und gaben ihren Synagogen Vorrang

von Avia Bar-Am, The Times of Israel, 11. Juli 2015

Traditionell versteigern iranische Juden die Rechte der Synagogen-Ehren und der mit dem höchsten Gebot gewinnt. Aber in der Ohavei Zion-Synagoge in Jerusalems Viertel Neve Shalom gab es eine Ausnahme: Als die Gottesdienstbesucher während des Kol Nidre am Yom Kipuur um das Recht zu bieten begannen die Lade zu öffnen, schlug der Auktionator den Hammer auf rief „verkauft“, sobald Meir Banai 50 Lira bot.

Niemand kümmert das, obwohl die Ehre weit mehr als 50 Lira wert war. Sie wussten, dass Banai, ein Obst- und Gemüseverkäufer, kein reicher Mann war und dass diese besondere Ehre ihm gehörte. Denn während des Unabhängigkeitskriegs, als sein Sohn Avraham verwundet und von den Jordaniern gefangen genommen wurde, legte Banai ein Gelübde ab. Sollte Avraham zu ihm zurückkommen, hatte er geschworen, würde er diese besondere Ehre jedes Jahr kaufen, solange er lebte. Sechs Monate später kam sein Sohn nach Hause zurück.

Vor nicht allzu langer Zeit schlossen wir uns einer Tour an, die „Parsim in Jerusalem“ hießt; „Parsim“ ist der israelische Name für Juden iranischer (persischer) Herkunft. Unser Führer die frühesten iranischen Viertel Jerusalems war der vielgesichtige Tal Chenya: Dozent, Reiseführer und meisterhafter Erzähler.

Während unsers Ausflugs unterhielt er uns mit faszinierenden Geschichten über Parsim, die Ende des 19. Jahrhunderts die schwere Reise ins Heilige Land unternahmen. Wir erfuhren, dass sie mit wenig mehr als den Hemden auf dem Rücken, aber mit einer immensen Liebe für Israel im Herzen herkamen.

Die Thora-Lade in der Ohavei Zion-Synagoge (Shmuel Bar-Am)

Die erste Welle iranischer Einwanderer, die Jerusalem erreichten, kam 1886 an; sie waren inspiriert vom verehrten Rabbi Aharon HaCoren. Die meisten kamen aus der Stadt Shiraz und hatten die Monate lange Reise zum Hafen Bushar zu Fuß, auf Kamelen und auf Eseln zurückgelegt, wobei Frauen und Kinder in Packsatteln auf beiden Seiten desselben Tiers ritten. Einmal angekommen warteten sie auf ein Schiff, das sie zu ihrem ersehnten Ziel bringen würde.

Nachdem sie in Jaffa von Bord gingen und mit Begeisterung ihren „heiligen“ Boden küssten, reisten sie nach Jerusalem. Den eingesessenen Gemeinschaften der Stadt – Jiddisch sprechende Aschkenasim aus Osteuropa und Ladino sprechende Sefaradim aus Spanien und Portugal – viel es schwer zu glauben, dass die Neuankömmlinge mit ihrer merkwürdigen Sprache, exotischen Trachten und dunkler Haut tatsächlich Juden waren. Unglücklicherweise hatten die Aschkenasim und Spepharden zwar bereits rührige Viertel für andere Einwanderer eingerichtet, aber es fühlte sich niemand diesen Neuankömmlingen aus dem Osten verpflichtet.

Ein Blechhaus in Shevet Tzedek (Shmuel Bar-Am)

Zu arm, um Land zu kaufen oder Häuser zu bauen, besetzten die Parsim ein leeres Grundstück direkt neben Mischkenot Scha’anamim (dem ersten jüdischen Viertel außerhalb der Mauern der Altstadt). Doch ihre Hütten und Zelte waren eine solche Beleidigung für das Auge, dass sie schon bald vertrieben wurden und in einem provisorischen Übergangslager landeten. Ohne Baumaterial, ohne Geld nahmen sie enorme leere Benzinkanister aus Blech, entfernten die Seiten, glätteten sie und stellten sie auf, um Wände zu bilden. Deshalb ist ihr frühestes Viertel, das offiziell Shevet Tzedek heißt, weit und breit als Blechviertel bekannt.

Das Viertel Shevet Tzedek in Jerusalem (Shmuel Bar-Am)

Wenn man in Shevet Tzedek wohnte, ging man auf festgestampftem Fußboden und schlief in Betten, die aus zusammengeschobenen Holzkisten bestanden. Die Matratze bestand aus Lumpen und zerschlissener Kleidung, die man als Bettdecken nutzen konnte, wenn es kalt wurde. Dennoch war das ein Leben sprühendes, gedrängt volles Viertel, das vor Leben wimmelte – und ein mit einer charakteristisch östlichen Aura.

Und von Armut geplagt oder nicht – die Iraner waren tief religiös. Sie brauchten eine Synagoge, in der sie in ihrem eigenen Stil beten und Predigten auf Persisch hören konnten. So schufen sie P’tachiya, die erste iranische Synagoge in Jerusalem.

Straßenkunst im Viertel Shevet Tzedek in Jerusalem (Shmuel Bar-Am)

P’tachiya wurde 1894 als einfache Hütte gebaut, deren permanente Mauern eine nach der anderen angefügt wurden, wann immer die mittellosen Einwohner zu einer Spende in der Lage waren. Es gab kein Geld für einen Fußboden und sie standen auf einer Erdschicht – aber sie bekamen eine 400 Jahre alte Thora in die Hände. Und nachdem sie eine Kiste mit Samteinlage und Tuch auf der Außenseite fanden, hatten sie eine Lade.

Ein Verwalter (gabai) dieser Synagoge war Moshe Mizrahi. Den Jerusalemern war er als „der legendäre Moischele“ bekannt; er war davon besessen sicherzustellen, dass immer zehn Männer für das Morgengebet anwesend waren. Moischele weckte regelmäßig Leute um drei oder vier Uhr morgens auf; wenn die Polizei da war, lieh er sich deren Megafon, um das zu erledigen.

Das Viertel Neve Shalom in Jerusalem (Shmuel Bar-Am)

Das erste von Parsim für Parsim dauerhaft gebaute Viertel wurde 1900 gegründet und Neve Shalom genannt. Obwohl es aus nur ein paar Straßen und ein paar Gassen besteht, gibt es darin ein halbes Dutzend verschiedene iranische Synagogen – Beweis für die immensen spirituellen Bedürfnisse der Neueinwanderer.

Die Synagoge Beit Yitzhak wurde nach einem Rabbiner benannt, der mit seiner Familie Shiraz verließ, es aber nie nach Israel schaffte. Der Grund: Zwei Nächte nach dem Ablegen wurde Rabbi Yitzhak Kalifa auf Deck des Schiffes von einem furchtbaren Sturm getötet.

Die Beit Yitzhak-Synagoge in Never Shalom (Shmuel Bar-Am)

Die Einwohner von Neve Shalom waren sehr arm, also musste jeder etwas zum Bau der Beit Yitzhak-Synagoge beitragen. Die Wänder und sogar die Lichtanlagen sind mit ihren Namen und den Summen, die sei spendeten, bedeckt. Eine davon, Agababa Ben Yitzhak Ben Raful Shemesh, grub eine Zisterne und verkaufte Wasser an die Araber; für jede Büchse Wasser bekam er einen bearbeiteten Stein.

Als das 19. Jahrhundert zu Ende ging, strömten mehr und mehr Parsim nach Jerusalem. Und während Mädchen Zuhause blieben und lernten gute Hausfrauen zu werden, zogen die Jungs durch die Straßen und gerieten in allerlei Schwierigkeiten. In der Sorge, dass Ignoranz zum Niedergang der iranischen Gemeinde sein würde, beschloss eine Organisation namens Ohavei Zion sich des Problems anzunehmen. 1906 erschien hier eine Kombination aus Synagoge, Eingliederungszentrum und Schule, in der Rabbi Yaakov Melamed – Sohn von Rahamim Melamed, dem spirituellen Leiter der Parsi-Gemeinde und Rabbiner der Shaarei Rahamim-Synagoge – die Erziehung in Händen hatte.

Im Wissen, dass jede Familie nur ein einziges Vielzweckbecken zum Waschen von Kleidung, Geschirr, Zähen und Menschen hatte, fügte Yaakov Melamed der Schule eine Dusche hinzu, samt Seife und Handtüchern. Er sorgte dafür, dass die Bäuche seiner Schüler gefüllt wurden und baute sogar eine Bühne für Schauspielunterricht und -Aufführungen. Genau hier sang 1973 der berühmte Unterhalter Yossi Banai sein erstes Solo.

Tal Chenya steht vor der Shaare Rahamim Bana Hai-Synagoge, der Heimat der Mystiker Shmuel Bar-Am))

Die Shaare Rahamim Bana Rai-Synagoge ist Heimat von Jerusalems mekubalim (Mystikern). Das Gebäude war ursprünglich von einem erfolgreichen Paris 1903 als Weingut gebaut worden, der sein riesiges Vermögen während des Ersten Weltkriegs verlor. 1934 wurde es von Rahamim Aharoni gekauft, der daraus eine Synagoge machte, die bei Mystikern wie Mordechai Sha’arabi beliebt ist, der dafür berühmt wurde das finanziell glücklose Einee-Gebäude nur ein paar Meter entfernt verflucht zu haben.

In der Nähe hat die Shauli- und Kashi-Synagoge, so wie andere Synagogen auch, mehr als eine heilige Lade. Die Erklärung ist einfach: Das iranische Recht verfügte, dass man, wenn man eine Lade in seiner Synagoge hat, diese auch einen Koran enthalten muss. Also bauten die iranischen Juden mindestens zwei Laden in jedem Gotteshaus – eine für die Thora und eine weiter für den Koran.

Einzelheiten am Eingang der Shauli und Kashi-Synagoge (Shmuel Bar-Am)

Die Shaar Harahamim-Synagoge befindet sich in einem Hof, in dem ein halbes Dutzend große Familien aus Shiraz untergekommen sind, einschließlich der ihres Rabbiners Rahamim Melamed nd seiner erstaunlichen Ehefrau Esther.

Neben weiteren Aktivitäten stellte Esther Rosenwasser her, entfernte die Gedärme aus koscheren Kühen und eröffnete eine Fabrik zum Stricken von Gebetsschals für Frauen. Sie Sehnsucht den Talmud zu studieren – was bei Frauen verpönt war – schaffte sie das auf eigene Faust – und indem sie auf der Frauenempore stand und den Männern unten beim Studieren zuhörte. Nachdem ihr Mann starb und wenn sie das Gefühl hatte, dass die Männer Unsinn redeten, rief sie hinab und schalt sie.

 

Übersetzt von Heplev - Foto: Times of Israel

 

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Montag, 03 August 2015