Der ungesühnte Völkermord an den Armeniern

Der ungesühnte Völkermord an den Armeniern




von Dr. Nathan Warszawski

100 Jahre ist es her, dass Türken die Armenier ermordet und die deutschen Verbündeten der Osmanen wohlwollend zugesehen haben. In der befreundeten Türkei ist es noch heute unschicklich, über den Genozid mit 1.500.000 ermordeten Armenier zu reden oder zu schreiben. Bestenfalls landet man im Gefängnis. Zuweilen wird man umgebracht.

In Deutschland darf man über den Völkermord reden und schreiben, da keine Gefahr besteht, dass jemand zuhört oder es liest. Lediglich in der Schweiz, der Slowakei, in Slowenien und Griechenland steht die Leugnung des Genozids an den Armeniern unter Strafe. In den übrigen aufgeklärten Ländern dieses Planeten fällt „Leugnung“ unter „Meinungsfreiheit“.

In Frankreich wäre es beinahe gelungen, die Leugnung zu bestrafen. Doch dann haben die Vernunft und das Geld gesiegt. In Deutschland ist eine Bestrafung der Leugnung wegen der Bedeutung der türkischen Community undenkbar. Selbst in Israel, wo man weiß, dass der Genozid an den Armeniern den Nazis als Blaupause für den Holocaust gedient hat, darf fröhlich geleugnet werden. Schuld daran sind die ehemals guten und engen Beziehungen zur Türkei, die sich wie im Iran verschlechtert haben, als Islamisten die Regierungsgewalt an sich gerissen haben.

Die USA sehen die Leugnung strategisch. Die Türkei ist ein wichtiger strategischer Bündnispartner, den es wegen alten Ereignissen nicht zu vergrätzen gilt. Außerdem haben Amerikaner aufgrund ihrer Geschichte eine eigenen Sichtweise auf die Eliminierung indigener Völker entwickelt.

Bei den allermeisten Genoziden – momentan trifft es Jesiden, die von Sunniten ermordet werden – handelt es sich um die Eliminierung der Urbevölkerung durch Neuankömmlinge. Die Armenier siedeln in Kleinasien Jahrtausende bevor der erste Türke dort auftaucht. Hereros sind eher in Namibia da als Deutsche und Indianer eher in Amerika als Europäer.

Die Zuwanderer oder Eroberer bringen nicht zwangsweise die Urbevölkerung um, die sie dort vorfinden. Zuweilen findet eine gelungene Symbiose statt wie in England unter den Normannen oder in Italien und in Gallien unter den Römern statt. Wahrscheinlich kommen solche Symbiosen häufiger als Genozide vor.

Manche Indianer und Afrikaner sollen, wenn man den Historikern glaubt, ihre Eroberer freundlich begrüßt haben. Heute haben die meisten Staaten aus der Geschichte gelernt: Eroberer werden nur in wenigen, aber auffälligen Ausnahmen mit offenen Armeen empfangen. Man findet sie bei dekadenten Völkern mit Todessehnsucht, deren Kultur verfällt. Fremde Kulturen sind eine glückliche Bereicherung, die das Überleben des Einzelnen ermöglichen.

Warum weigert sich die Türkei bis heute, den Genozid an den Armeniern offiziell anzuerkennen? An den Fakten kann es nicht liegen. Der Genozid an den Armeniern ist ausreichend erforscht und gesichert, auch wenn es alle türkischen Regierungen bestritten haben. Die türkischen Interessen an der Leugnung der Tatsachen sind einfach nachzuvollziehen. Aus der moralischen Akzeptanz des Völkermordes an den Armeniern könnten neben finanziellen auch territoriale Forderungen folgen. Während und nach dem Ersten Weltkrieg sind neben den Armeniern auch einige Millionen Christen aus Kleinasien vertrieben und ermordet worden. Ein beträchtlicher Teil der Gebiete, die heute die Türkei beherrscht, ist geraubt. Nach menschlicher Ethik müsste die heutige Türkei diese Ländereien den überlebenden Nachkommen übergeben. Außer Deutschland und Israel hat kein anderer Staat Gebietsverluste jemals als gerecht empfunden. Deutschland, weil die Schuld übergroß ist, Israel, weil es unbedingt Frieden will.

Warum weigern sich Deutschland bis heute, den Genozid an den Armeniern offiziell anzuerkennen? Die große Bedeutung der türkischen Community in Deutschland ist bereits erwähnt worden. Darf die türkischen Community in Deutschland mit der Türkei gleichgesetzt werden?

Es gibt ein gewichtigeres Argument, den Völkermord an den Armeniern nicht offiziell anzuerkennen. Im Ersten Weltkrieg waren das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich Verbündete, weshalb damals Deutschland bei den Massakern nicht interveniert hat. Doch dies ist wie der Erste Weltkrieg schon lange in Vergessenheit geraten und im kollektiven Geschichtsbewusstsein des deutschen Volkes nicht mehr vorhanden. Im Vergleich mit dem Völkermord an den Juden während der Nazizeit erscheinen in Deutschland sämtliche anderen Genozide als unbedeutend bis irreal. Deutschland hat für den Genozid an den Juden teuer bezahlt und ihn somit gesühnt. Andere Staaten haben kein Recht auf Genozide, schon gar nicht ohne Konsequenzen, Strafen und Sühne. Da Völkermorde weiterhin auf der Tagesordnung stehen und die mordenden Völker selten bestraft werden und sühnen müssen, bedeutet dies, dass die heutigen Völker und die heutige deutsche Politik nichts aus der deutschen Geschichte gelernt haben.

Die genozidale Idee schließt sogar die Vergangenheit ein. Der deutsche Völkermord an den Juden ist nicht nur schrecklich und der größte, sondern einzigartig! Dabei werden Täter und Opfer vertauscht. Denn nicht der Holocaust, sondern die Schoa ist singulär! Nicht das, was die Deutschen getan, sondern das, was die Juden erlitten haben, ist unfassbar.

So bleibt das Leiden der Armenier ungesühnt und so werden Deutschland und die anderen zivilisierten Ländern weiterhin guten Gewissens und tatenlos kommenden Genoziden entgegensehen. 100 Jahre reichen nicht aus, Fakten ohne Ressentiments anzuerkennen. Es könnten ja noch Zeitzeugen leben..

 

Numeri 24 : 9 - Foto: Foto eines anonymen deutschen Reisenden: Armenier werden im April 1915 von osmanischen Soldaten aus Kharpert (türkisch: Harput) in ein Gefangenenlager im nahen Mezireh (türkisch: Elazığ) geführt.[ (Foto: Wikipedia / Wikimedia)

 

Dr. Nathan Warszawski bei haOlam.de (Auswahl):


Samstag, 04 April 2015





Als Lektüre zu diesem Thema zu empfehlen: Franz Werfel "Die vierzig Tage des Musa Dagh". Ich lebe in einer großen Bücher-Wohnung. Dieses Werk ist wohl eines der großartigsten Bücher, das ich je gelesen habe. Lisa Setz, Graz

"Eroberer werden nur in wenigen, aber auffälligen Ausnahmen mit offenen Armeen empfangen. Man findet sie bei dekadenten Völkern mit Todessehnsucht, deren Kultur verfällt." Warum fällt mir da sofort eine der "wenigen, aber auffälligen Ausnahmen" ein. hihi...Welche?...Das Wettbüro hat geöffnet...